Wir alle sind Liebende, Ergebene einer höheren Kraft, tausende von Liebenden, aber der Geliebte ist einer für alle. Er, nach dem wir uns sehnen, ist der Geliebte der ganzen Welt. Es gibt nicht einen speziellen Gott nur für Muslime, nur für Hindus, nur für Christen, Er ist der eine Gott für alle.

Sant Kirpal Singh

Eine Ansprache, die Sant Kirpal Singh bei der Einweihung der Manav-Kendra Schule am 21. Juni 1972 in Indien hielt

Der Mensch wird als die Krone und Herrlichkeit dieser Schöpfung betrachtet. "Der Mensch steht nicht nur am Anfang der Entwicklung, er ist nicht nur ihr Werkzeug und Nutznießer, sondern er muss vor allem als ihre Rechtfertigung und ihr Ziel betrachtet werden."

"Der Mensch", wie Jesus Christus uns sagte, "den Gott nach Seinem Bilde schuf", sollte sich dafür würdig erweisen, Seine Segnungen zu empfangen. Aber leider hat der Mensch von heute die meisten Erwartungen nicht erfüllt. Mehr und mehr hat ihn seine Eitelkeit dazu gebracht, sich selbst als den Mittelpunkt der Welt zu halten, und darüber seine Fehler zu vergessen. Das Erziehungssystem, welches allen Unzuläng­lichkeiten abhelfen hätte können, und seine Entwicklung in jeder Richtung fördern hät­te können, hat sich als jammervoll unzulänglich erwiesen. Aus diesem Grund ist ein Schüler von heute nicht in der Lage, wahres Wissen zu erlangen, was ihm helfen könnte, das rechte Verstehen des Lebens zu erlangen, was zu rechten Gedanken, rech­ten Worten und rechten Taten führt. Tatsächlich besteht das wahre Ziel der Erziehung darin, den Charakter und die Individualität eines Schülers zu entwickeln, ebenso sei­nen Verstand, seine Willenskraft und Seelenstärke.

Die beste Erziehung ist jene, die uns lehrt, dass das Ziel allen Wissens Dienen ist.

Dieses "Dienen" ist nur ein anderer Name für Liebe und Zusammengehörigkeit, wel­ches den wahren Kern des persönlichen und sozialen Lebens ausmacht. Liebe und Zusammengehörigkeit bringen Frieden, Freundlichkeit und Demut mit sich – die grundlegenden Werte des Lebens – deren Bedeutung die Weisen und Propheten In­diens und der Welt immer hervorgehoben haben. Diese Werte zu beleben, sie zu praktizieren und sich im Leben von ganzem Herzen zu eigen zu machen, ist das, was als Spiritualität bezeichnet wird. "Spiritualität" ist nicht der Name für ein paar religiöse Dogmen. Es ist eine Tatsache, dass es im spirituellem Leben keinen Platz für dogmati­sche Behauptungen gibt. Einst stellte Huen Tsang dem Vorstand der Universität von Nalanda, Shil Bhadra, eine Frage: "Was ist Wissen?" Er antwortete: "Mein Sohn, Wissen ist die Erkenntnis aller Prinzipien und Gesetze des Lebens. Und der beste Grundsatz des Lebens ist das Mitgefühl – mit anderen zu teilen, was man hat." Er sagte weiter, dass diejenigen, die nur für sich selbst die Nahrung bereiten, Diebe sind. Jesus fragte einst seine Jünger: "Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, und doch Schaden nimmt an seiner Seele?" Die Stimme in ihnen, die die Ant­wort gab: "Nichts, Jesus, nichts", war die Stimme der Spiritualität. Guru Gobind Singh sagte: "Diejenigen, die den Armen und Bedürftigen zu essen geben, geben es mir." Diese Fähigkeit zu geben ist bekannt als Spiritualität, ohne die alle Erziehung zu einer bloßen Übung ohne Wert wird. Wie Gentile, ein großer Denker, sagte: "Eine Schule ohne spirituellen Inhalt ist eine Absurdität."

Die moderne Erziehung ist weitgehend egozentrisch und macht die Menschen spiri­tuell und sozial unfähig; sie treten mit der Ansicht ins Leben, auf Erden Geld und Aner­kennung für ihre eigenen persönlichen Vergnügungen zu erlangen. Sie vergessen da­bei, dass wahres Glück erst dann beginnt, wenn man sich über sein eigenes kleines Selbst – dem Ego – erhebt und nach dem größeren Selbst strebt.

Das Wichtigste der Erziehung ist ihre Beziehung zum Leben. "Wissen ohne Taten ist leer wie ein Schatten." Erziehung ist nicht wie ein ausgetrocknetes Pergament, son­dern das "Lebendige Wasser des Geistes". Die Schule sollte ein Heim für Lehrer und Schüler sein, die in ihren Studien, auf dem Spielplatz und in ihrem täglichen Leben die geschätzte Tugend der Demut widerspiegeln. Solange uns unser Wissen nicht dazu befähigt, sich die edlen Dinge des Lebens zu eigen zu machen, hat es seinen Zweck nicht erfüllt. AI Ghazali, ein Mann der Gelehrsamkeit und der Meditation, sagt in seinem Buch "Das Kind": "Wisse, mein Kind, dass Wissen ohne Taten Unsinnigkeit ist, und die vornehmste Tat das Dienen ist."

Die Hauptkrankheit der gegenwärtigen Erziehung ist, dass sie eine Trennung zwi­schen Herz und Kopf zur Folge hat. Sie legt Nachdruck auf die Entwicklung des Kop­fes und schärft zu einem gewissen Ausmaß den Verstand. Aber notwendiger ist das Freiwerden des Herzens. Das wird geschehen, wenn der Verstand zum Mitgefühl für die Armen, Schwachen und Bedürftigen erwacht ist. Opferbereitschaft erwächst aus dem Herzen, daher muss sich das Herz entwickeln.

Die Jugend sollte:
1. nach dem Ideal des Dienens streben, und nicht nach Leidenschaften
2. einfach sein, denn Einfachheit bedeutet Stärke
3. lernen, mit allen zusammenzuarbeiten und nicht erlauben, dass Unterschiede in glaubens- und politischen Auffassungen der Zusammengehörigkeit im Wege stehen
4. das schöpferische Ideal annehmen, das die Menschheit als Einheit betrachtet und Dienen als das Ziel allen Wissen.

Die Lehrer sollten die Schüler im Geist der Liebe und Sympathie unterrichten, und Kenntnis mit belebendem Einfluss, und Wissen mit Liebe verbinden. Ein Mensch mag alle Prüfungen an der Universität erfolgreich bestehen, und doch unwissend bleiben über die Wahrheiten des Lebens. Er mag tausend Bücher gelesen haben und doch nicht besser sein als ein Ungebildeter. Erst durch wahre Erziehung wird er wirklich ge­bildet; und die Seele aller Bildung ist die Höflichkeit. Gelehrsamkeit mag stolz machen, Bildung aber bescheiden.

Nur zu sonderbar, dass Bildung und Ackerbau sich in vieler Hinsicht ähnlich sind. Das Kshetra (Feld) der Seele muss kultiviert werden, indem man Wünsche und Gefühle be­herrschen lernt. Wer anderer als Buddha hätte dies besser ausdrücken können, der – als er auf diese Übereinstimmung ausführlich einging – bemerkte: "Ich pflüge und säe und wachse, und durch mein Pflügen und Säen ernte ich unsterbliche Frucht. Mein Feld ist die Religion; das Unkraut, das ich jäte, sind die Leidenschaften; mein Pflug ist die Weisheit, und meine Saat ist die Reinheit." Unsere Rishis beteten: "Tamso ma Jyo-tirgamaya" ("Führe mich von der Dunkelheit zum Licht").

Aber jene Dunkelheit kann nicht in einem Tag erleuchtet werden. Ziegelsteine, Mör­tel, Bequemlichkeiten und Luxus können so etwas nicht lernen. Es ist die besondere Atmosphäre, die diese Erwartungen erfüllen kann. Deshalb sollte in der Schule der At­mosphäre mehr Wert beigemessen werden, als den Regeln, Lehrbüchern und Gebäuden.

Das zarte Herz eines Kindes verlangt nach sehr feinfühliger Führung. Tatsächlich beginnt Erziehung schon vor der Geburt, und deshalb sollte auch jeder schwangeren Mutter mehr Fürsorge geschenkt werden. Es ist die beständige Verbindung mit edlen Kräften, die tugendhafte Menschen hervorbringt. Ein Kind ist der Mittelpunkt des schöpferischen Lebens. Es muss wie eine Blume entfaltet werden, sanft, nicht mit Ge­walt. Lasst die Kinder nicht eingesperrt sein im Prüfungsmechanismus; lasst nicht zu, dass sie verächtlich behandelt und beschimpft werden.

Die Früchte der Gemeinschaft sind vierfach: Die erste Frucht ist Arta, die auf den wirtschaftlichen Aspekt der Erziehung hinweist. Die zweite ist Dharma, welche Ach­tung vor dem Gesetz lehrt. Kama trifft Vorsorge für eine freiere und vollkommene Ent­wicklung des Menschen. Die wichtigste aber ist die vierte Frucht, Moksha, die völlige Befreiung. Es ist die Befreiung von unserem kleinen Selbst, die uns dazu bewegt, all unseren blinden Eifer, unsere Engstirnigkeit und unseren übertriebenen Patriotismus abzulegen. Wenn uns die Erziehung nicht dazu befähigt, uns über unser gewöhnliches Ich zu erheben, unsere einfache Gesinnung nicht zu Höhen bringt, die über unserem normalen Blickfeld liegen, erfüllt sie ihren wahren Zweck nicht. Es ist eine beklagens­werte Tatsache, dass die gegenwärtige Erziehung, die eine vollständige Entwicklung der menschlichen Persönlichkeit sichern sollte, nur eine sehr unvollkommene und un­zulängliche Vorbereitung für das Leben schafft.

Bei dieser Entwicklung spielt auch die Situation der Schule eine bedeutende Rolle. Das deutsche Wort "Kindergarten" ist in diesem Zusammenhang sehr vielsagend. Es deutet darauf hin, dass jede Schule an einem wunderschönen Platz der Natur gelegen sein sollte. Im alten Indien war jeder Ashram ein Garten der Natur. Das Manav Kendra ist an einem gesunden und malerischen Platz im Doon-Tal gelegen, der eine herrliche und anziehende Aussicht auf die schneebedeckten Gipfel des Himalaya Gebirges bie­tet. In wahrer Tradition eines Manav Kendra – Zentrum für den Menschen – gehört es der gesamten Menschheit für die Hervorbringung von Verstehen, Frieden und Fort­schritt. Diese Einrichtungen sind der konkreten Verwirklichung der menschlichen Ein­heit gewidmet und entwerfen ein völlig neues Konzept einer ganzheitlichen Erziehung und moralischen Lebensweise, entsprechend den ethischen Grundsätzen der Spiritualität.

Der menschliche Körper ist der wahre Tempel Gottes. Gott wohnt im Tempel des Körpers, der von Ihm im Leib der Mutter geschaffen wurde, und nicht in Tempeln von Menschenhand erbaut. Ohne inneren Wandel kann der Mensch nicht länger der allsei­tigen Entwicklung seines Lebens gewachsen sein. Um diese lebensnotwendige und unerlässliche Aufgabe durchzuführen, muss das Wesen der Erziehung verändert wer­den, damit sie der Gesellschaft junge Männer und Frauen geben kann, die nicht nur in­tellektuell, sondern auch emotional geschult sind für eine tatkräftige, wirklichkeitsnahe und schöpferische Führerschaft. Wir erstreben eine solche Atmosphäre, in der Men­schen heranwachsen und sich vollkommen entwickeln können, ohne die Verbindung mit ihrer Seele zu verlieren.

Das Ziel ist, dies zu einem Platz zu machen, wo die Bedürfnisse des Geistes und die Bedeutung der Weiterentwicklung des Menschen Vorrang haben vor materieller Be­friedigung, Freuden und Vergnügungen. Selbstverständlich wird die Erziehung spiri­tuell ausgerichtet sein und nicht mit der Absicht, Prüfungen zu bestehen und Zertifika­te und Diplome zu erwerben, und Beschäftigungen zu suchen, sondern die bestehen­den moralischen, ethischen und anderen Fähigkeiten zu steigern, und neue Möglich­keiten und Horizonte zu eröffnen, um den Traum von der Wirklichkeit zu erfüllen.