Wir alle sind Liebende, Ergebene einer höheren Kraft, tausende von Liebenden, aber der Geliebte ist einer für alle. Er, nach dem wir uns sehnen, ist der Geliebte der ganzen Welt. Es gibt nicht einen speziellen Gott nur für Muslime, nur für Hindus, nur für Christen, Er ist der eine Gott für alle.

Sant Kirpal Singh

Auszug aus einem Vortrag von Sant Kirpal Singh am 8. November 1972, Vancouver


Liebe Brüder und Schwestern,
der menschliche Körper wird als die größte Chance betrachtet, eine goldene Gelegenheit, die wir erhalten haben. Alle heiligen Schriften sprechen auf sehr hohe Weise davon. Und wer spricht durch die Schriften? Die Meister der Vergangenheit. Sie nennen es eine goldene Gelegenheit. Warum? Weil wir nur in diesem Körper, und in keinem anderen, Gott erkennen können. Wir sind also glücklich zu nennen, dass wir diesen Körper erhalten haben. Wir sitzen hier beisammen, manche sind zwanzig, manche vierzig, fünfzig oder sechzig Jahre alt, und wir sollten ernsthaft darüber nachdenken, ob wir wirklich Gott erkannt haben. Wenn es so ist, können wir uns glücklich schätzen, sehr glücklich sogar. Um das zu erreichen, haben wir uns verschiedenen Geistesschulen angeschlossen und tragen deren Kennzeichen - die des Hinduismus, des Christentums, des Sikhismus und anderer. Das zeigt, dass wir zu dieser Gemeinschaft gehören, unser Hauptgrund aber war und ist es auch, jetzt Gott zu erkennen. Um Gott zu erkennen, müssen wir uns erst selbst erkennen.

Wie ich schon gestern Abend sagte, gibt es solche und solche Lehrer, und es gibt den Begriff Meister. Was ist im besonderen mit dem Begriff Meister gemeint? Ein Meister ist jemand, in dem Gott offenbar ist. Er ist das personifizierte Wort, das unter uns wohnt.

Das höchste Ziel im menschlichen Körper ist also, Gott zu erkennen, und um Gott zu erkennen, müssen wir zuerst uns selbst erkennen, denn Gott kann man nicht durch die Sinne, das Gemüt oder den Verstand erkennen. Die Seele, das Bewusstsein, ist vom selben Wesen wie Gott, nur der Seele ist es möglich, Gott zu erkennen. Die erste Frage, die sich stellt, ist also, wie kann man sich selbst erkennen. Das sagten alle Meister, ob sie nun vom Osten oder vom Westen waren.

Große Philosophen, wie die römischen, griechischen oder andere des Ostens, sagten alle dasselbe: "Mensch erkenne dich selbst." Sich selbst zu erkennen ist aber keine Sache der Gefühle oder der Schlussfolgerungen, beide unterliegen dem Irrtum. Sehen steht über allem. Uns selbst zu erkennen bedeutet: Wir sind bewusste Wesen, aber jetzt sind wir so sehr mit dem Gemüt und den nach außen gehenden Kräften identifiziert, dass wir uns selbst vergessen haben und nicht zwischen unserem wahren Selbst und unserem Körper und den Sinneskräften unterscheiden können. So geht es um die praktische Frage, wie man sich über das Körperbewusstsein erheben kann, um sich selbst und Gott zu erkennen. Das Wort Religion bedeutet eigentlich: re – rück, ligare – verbinden – uns erst selbst zu erkennen und uns dann wieder mit dem Überselbst zu verbinden. Ein Meister oder spiritueller Lehrer ist also jemand, der uns Selbsterkenntnis gibt, der unsere Seele mit der Überseele oder Gott verbindet, er ist jemand, der in dieser Wissenschaft bewandert ist, der Gott erkannt hat, und Ihn, Gott, überall sieht – um sich, in sich und überall, und anderen hilft, sich im Innern zu erheben und eine Erfahrung von ihrem wahren Selbst zu erlangen, indem er sie über das Körperbewusstsein erhebt. Er gibt ihnen eine Verbindung mit der wirkenden Gotteskraft, die man das Wort nennt und deren äußerer Ausdruck Licht und Ton ist. Gott ist Licht und Gott ist das Tonprinzip, die Musik der Sphären.

Die Meister geben uns also etwas, womit wir beginnen können. Natürlich hängt es vom Hintergrund jedes einzelnen ab, manche sind bereit, manche sind noch besser vorbereitet, andere wieder haben einen Hintergrund, und die unter uns, die jetzt neu beginnen, sind ernsthafter und regelmäßiger als die anderen.

Die Meister lehren unterschiedslos alle dieselbe Lehre und erklären dasselbe: Wie man sich über das Körperbewusstsein erhebt und das innere Auge öffnet. Ob nun der eine eine größere Erfahrung hat und der andere eine geringere,  ein gewisses Startkapital erhält jeder, um beginnen zu können. Das ist der Teil der Lehre, den man mündlich übermitteln kann, zwei Drittel aber erhält man durch Empfänglichkeit.

So lange ihr nicht Achtung und Hingabe für Meister entwickelt, empfänglich werdet und das Gesagte von Herz zu Herz aufnehmt, könnt ihr diese beiden Drittel der Lehre, die noch auf euch warten, nicht erhalten. Hingabe und Liebe können in uns diese Empfänglichkeit entstehen lassen. Wenn man Liebe und Hingabe hat, erfährt man, dass alle Dualität verschwindet. Liebe ist wie ein Schwert – und was für ein Schwert? Wenn ein gewöhnliches Schwert zuschlägt, teilt es alles in zwei Teile. Liebe aber ist ein Schwert, das, wenn es zwei Herzen trifft, zwei eins werden läßt. "Ich und mein Vater sind eins." Liebe und Hingabe bedeutet, die Aufmerksamkeit ganz auf den gerichtet zu haben, der uns ein Anfangskapital gegeben hat, immer voll Achtung für Ihn zu sein. Es ist ein überaus wertvolles Kapital, das niemand auf dieser Welt uns geben kann. Es ist Gottes Gnade, die durch den Meister wirkt und uns dieses Kapital zugänglich macht, das bereits in uns liegt. (Wenn ihr es erhalten habt) könnt ihr bezeugen, dass es so ist. Ihr braucht nicht jahrelang zu warten oder bis zum Ende der Welt – die Meister geben uns eine praktische Demonstration davon, sie geben uns etwas, um damit zu beginnen.

Ich betone nochmals: Das, was man durch Worte übermitteln kann, ist nur ein Drittel. Wir müssen also empfänglich werden, um auch die übrigen zwei Drittel der Lehre durch diese Empfänglichkeit, von Herz zu Herz, aufnehmen zu können.

Christus sprach ganz klar darüber: "Ich bin der Weinstock, und ihr seid die Reben. So lange die Reben mit dem Weinstock verbunden sind, tragen sie viel Frucht. Jene aber, die vom Weinstock getrennt wurden, tragen keine Frucht." Das könnt ihr in der Bibel lesen. Was bedeutet es? Wenn ihr vollkommen ergeben seid, gibt es nichts Trennendes mehr zwischen euch und Meister, Gott in Ihm, und ihr erhaltet die anderen beiden Drittel der Lehre, die Er geben kann, aber durch Worte allein ist das nicht möglich. Zu meditieren ohne Liebe und Hingabe, wird euch nicht wirklich weiterbringen.

Einmal stellten sich Maler aus einem fremden Land dem König vor und sagten: "Wir beherrschen eine außergewöhnlich schöne Malkunst. Wenn ihr erlaubt, würden wir sie euch gerne vorführen." Der König war einverstanden und stellte ihnen eine Wand in einem großen Saal zur Verfügung. "Gut, auf diese Wand könnt ihr euer Bild malen." Auch die einheimischen Künstler kamen zum König: "König, auch wir beherrschen diese Kunst, würdet ihr uns erlauben, unsere Fertigkeit unter Beweis zu stellen?" Nun, der Raum wurde durch einen Vorhang abgeteilt und auf der einen Seite begannen die ausländischen Künstler mit der Arbeit, auf der gegenüberliegenden Wand die einheimischen Künstler. Nach einiger Zeit kam der König, um den Fortgang der Arbeiten zu begutachten. Er sah, dass die ausländischen Künstler verschiedene Blumen und vielerlei anderes malten. Als er aber auf die andere Seite schaute, wo die Künstler aus seinem eigenen Land waren, sah er, dass die Wand ganz weiß war, sie hatten nichts darauf gemalt. Als die festgesetzte Zeit abgelaufen war, berichteten die ausländischen Maler: "Unser Gemälde ist so weit, dass man es besichtigen kann, würdet ihr die Güte haben und es euch ansehen?" Der König kam und sah, dass das Gemälde außergewöhnlich schön war. Daraufhin kamen auch die anderen Maler und baten ihn, auch ihr Bild zu beurteilen. Eigentlich wusste der König, dass sie nichts gemalt hatten, er hatte sie beobachtet. Aber als der Vorhang  zurückgezogen wurde, sah der König zu seiner großen Überraschung auf der gegenüberliegenden Wand genau dasselbe Gemälde. Bei dem Bild, das an die Wand gemalt worden war, bemerkte man noch einige Unregelmäßigkeiten, kleine Flecken, nicht aber bei der Widerspiegelung auf der gegenüberliegenden Wand. Der König fragte sie: "Wie habt ihr das gemacht?" –  "Sir, wir haben gar nichts gemacht." –  "Wie konntet ihr wissen, was die anderen malten?" Wenn zwei Parteien einen Wettstreit austragen, werden sie natürlich der anderen Partei ihr Werk nicht zeigen. Aber erstaunlicherweise war auf der gegenüberliegenden Wand genau dasselbe zu sehen, nur noch klarer. Nochmals fragte man sie: "Was habt ihr gemacht?" –  "Sir, wir haben gar nichts gemacht, wir polierten nur die Wand so lange, bis sie die gegenüberliegende Seite widerspiegelte." Das ist auch etwas, das zwischen Schüler und Meister möglich ist. Wenn das geschieht, steht nichts mehr zwischen Schüler und Meister, sie sind eins. Diese Widerspiegelung erreicht ihr nur durch Empfänglichkeit. Wenn nichts mehr zwischen euch und Meister steht, dann entwickelt sich Empfänglichkeit. Ihr vergesst sogar eure eigene Existenz. "Ich wurde in Christus gekreuzigt." – "Fana – fil – sheikh", das ist ein Zitat aus Persien.

So wie Kabir sagt: "Die Menschen sprechen von uns als von Zweien, aber so sprechen die, die nie einen Meister trafen. Jene, die einen Meister haben, sehen ihren Meister in jedem." Das meinte Christus, als er sagte: "Ich bin der Weinstock und ihr seid die Reben. Solange ihr in mir eingebettet bleibt, tragt ihr viel Frucht." Wenn ein Mensch diese Hingabe, diese Empfänglichkeit entwickelt, kommt er in diesen Zustand, in dem zwei eins werden.

Shamaz Tabrez sagt: "O Meister, lass mich der Körper sein, und sei Du meine Seele. Sei Du in mir, und lass mich in Dir sein, damit die Leute nicht sagen können, dass ich ein anderer bin als Du, ich bin der, der Du bist." Das nennt man Gurubhakti, Hingabe an den Meister. Das entsteht nur, wenn ihr Liebe für Meister habt, dann gibt es nichts mehr, das zwischen euch und Ihm steht. Liebe vereint. So wie ich das Beispiel brachte, dass Liebe wie ein Schwert ist, das, wenn es zwei Herzen trifft, beide eins macht. Liebe und Hingabe sind also äußerst wichtig.

Der Koran sagt: "Liebe ist ein Feuer, das alles verzehrt, außer dem einen, den ihr liebt." Das ist der Weg der Liebe, ohne Liebe könnt ihr die Lehre nicht in vollem Umfang aufnehmen und das nicht erhalten, was der Meister dem Schüler eigentlich geben möchte. Erinnert ihr euch, es gibt ein Gebet: "O Gott, ich danke Dir, denn Du hast dieses Geheimnis vor den Weltklugen verborgen und es den Kindern offenbart." Jenen, die ganz unschuldig sind. Lasst mich dazu ein Beispiel erzählen.

Guru Ram Das, dessen Name damals noch Jeta Ji war, war Schüler von Guru Amar Das. Wenn ein Meister den Körper verlässt, sind im allgemeinen viele danach aus, sein Nachfolger zu werden. Nicht nur einer – viele. Im Innersten ihres Herzens sind sie danach aus, Meister zu werden. So jemand macht eine Show und setzt sich auf verschiedenste Art in Szene, um die Aufmerksamkeit des Meisters auf sich zu ziehen. Die Meister aber schauen auf das Herz und nicht darauf, wie sich jemand äußerlich darstellt. Was machte Guru Amar Das? Jeden, der zu ihm kam, forderte er auf, eine Plattform zu bauen, die ein bestimmtes Maß haben sollte. (Diese Plattform braucht man in Indien für eine Kochstelle im Freien.) Und sie begannen damit. Gewöhnlich gehorchen die Menschen, wenn der Meister etwas sagt, zumindest zu Beginn. So begannen sie also, Kochstellen zu bauen. Als sie fertig waren, sagte er: "Die Erde ist nicht gut, reißt sie wieder ab, bringt die Erde von dort, das ist gute Erde." Von neuem begannen sie, Kochstellen zu bauen. Wieder waren sie fertig und wurden vom Meister begutachtet. Er sagte: "Nein, sie sind nicht gut gebaut, reißt sie wieder ab." Und wieder bauten sie Kochstellen. Als sie wieder fertig waren, kam er und sagte: "Dieser Platz hier ist nicht gut, baut sie dort auf." Was geschah? Nach und nach (hörten alle damit auf), die so ergeben taten. Normalerweise beurteilen wir den Meister nach uns selbst. Seht Ihn wenigstens wie euren Vater an, wie einen Vorgesetzten, der mehr vom Weg weiß. Bei uns aber ist es so, selbst wenn wir den Richtlinien gehorchen, die der Meister uns gibt,  ändern wir sie ab, so wie es unserem Gemüt gefällt. (So war es auch damals) und das Ergebnis war, dass sie zu arbeiten aufhörten. Siebzigmal wurden die Kochstellen gebaut und wieder abgerissen. Alle hörten auf, außer einem. Sein Name war Jeta Ji, er wurde der nächste Meister. Die Leute kamen zu ihm und sagten: "Schau, der Meister ist alt. Was soll das für einen Sinn haben, Kochstellen zu bauen und sie wieder abzureißen?" Er weinte: "Seht, der Meister ist allwissend. Würde Er mich anweisen, diese Arbeit mein ganzes Leben lang zu machen, wäre das alles, was ich will." Worum ging es dem Meister? Er wollte sehen, wie weit sein Schüler bereits die Färbung des Gemüts verloren hatte und über dem Ego stand, wie weit es ihm gelungen war, Selbstübergabe und Hingabe zu entwickeln. Was machte er? Er gab ihm seinen eigenen Platz. Er wurde der vierte Meister. Versteht ihr mich? Das ist mit Liebe und Hingabe gemeint.

Die Meister wollen euch also zu dem entwickeln, was sie selbst sind. Kein König will, dass sein Sohn nur ein Minister wird. Er möchte, dass alle seine Kinder König werden. Deshalb sagte ich euch, werdet zu einem Botschafter der Wahrheit. Das aber wird nur möglich sein, wenn ihr Liebe und Hingabe habt. Nur so werdet ihr fähig sein, Empfänglichkeit zu entwickeln. Ihr werdet alles erhalten, was der Meister zu geben hat, ohne dass es euer Verdienst ist. Es ist allein ein Geschenk Gottes. Und wer gibt uns dieses Geschenk? Wer von Gott dafür erwählt wurde. Diese Aufgabe erhält man nicht durch eine Wahl, so wie man zum Präsident, Priester oder Premierminister gewählt wird. Jeder Heilige hat seine Vergangenheit und jeder Sünder eine Zukunft. Bei allen Meistern war es so, dass ihr selbstloses Dienen, ihre Liebe und Hingabe, sie auszeichneten, und so wurde ihnen diese Aufgabe übertragen. Sie wurden von Gott erwählt, diese Aufgabe auszuführen.

In der Spiritualität sind also Liebe und Hingabe der Schlüssel zum Erfolg. Das gilt auch für den weltlichen Bereich. Wenn ihr dem Lehrer ganz ergeben seid, liebt er euch, er vertraut euch die Geheimnisse seines Herzens an. Es beginnt mit Liebe und Hingabe, und auch der weitere Weg ist Liebe und Hingabe, bis ihr schließlich ganz in Gott aufgeht. Wer auf den Weg gestellt wurde, erhielt also etwas, um damit zu beginnen. Als erstes sollte man hundertprozentig die Anweisungen befolgen. Wir haben das Brot und Wasser des Lebens erhalten, die Nahrung für unsere Seele. Wenn die Seele stark wird – ein starkes Herz kann selbst einen gebrochenen Wagen voranbringen.

Versucht auch die anderen zwei Drittel der Lehre zu erhalten, die ihr erhalten werdet, wenn ihr Empfänglichkeit entwickelt und in Meister eingebettet seid. So wie Christus es in seinem Vergleich (mit dem Weinstock und den Reben) ausdrückte. Wenn sich jemand so sehr an seinen Meister erinnert, wird er durch das beständige Denken an Ihn so wie Er. So wie ihr denkt, werdet ihr. Das ist der Schlüssel zum Erfolg, der wichtigste Punkt bei der weiteren Entwicklung, und um mit Gott eins zu werden.