Von Sant Kirpal Singh, President der Weltkonferenz zur Einheit des Menschen, 6. Februar, 1974

 

Sant Kirpal SinghDas Ziel der Unity of Man-Konferenz ist, das Ideal der Einheit des Menschen zu ver­breiten: Die ganze Menschheit ist eins. Alle Menschen werden auf die gleiche Weise geboren, ihr äußerer und innerer Aufbau ist derselbe, und alle sind mit den gleichen Vorrechten von Gott ausgestattet. Es gibt kein hoch oder niedrig, alle sind gleich. Wir sind Tropfen aus dem Meer allen Bewusstseins – Gott. Darum sind wir alle Brü­der und Schwestern in Gott.

Unser letztes Ziel ist, das Einssein mit der Höchsten Kraft zu erlangen, die die ganze Schöpfung und auch uns im Körper kontrolliert. Die ganze Welt ist Seine Wohnstatt, und in verkleinertem Maßstab ist der Körper der Tempel Gottes, in dem Sein ewiges Licht brennt – "Schaue darauf, dass das Licht in dir nicht Finsternis sei." Dieses Licht ist in jedem von uns. Unsere Aufmerksamkeit oder "Surat" hat sich mit dem Körper und der äußeren Welt so sehr identifiziert, dass sie sich selbst vergessen hat. Wenn sie sich von allem Äußeren zurückzieht und sich wieder zum Bewusstsein ihrer wahren Identität erhebt, das heißt, erkennt, dass sie eine bewusste Wesenheit ist, dann kann sie die Höchste Kraft – Gott – erkennen. Dazu müssen wir lernen, während des Lebens zu sterben, indem wir uns über das Körperbewusstsein erheben.

Wie ist es beim Tod? Es ist so, wie wenn die Sonne auf der einen Seite untergeht und auf der anderen wieder aufsteigt. Das ist alles. Wir müssen die kontrollierende Kraft, die die Quelle und der Erhalter von allem ist, erkennen. Warum sehen wir Ihn jetzt nicht? Weil unsere Aufmerksamkeit so sehr mit dem physischen Körper und der äu­ßeren Welt identifiziert ist, dass sie vergessen hat, dass sie eine bewusste Wesenheit ist, nämlich die kontrollierende Kraft im Körper. Lasst mich ein Beispiel geben, um das zu erklären. Nehmt an, ich schaue nach vorn. Im gleichen Augenblick kann ich nicht sehen, was hinter mir ist, es sei denn, dass ich meinen Blick von vorn nach hinten wende. Auf dieselbe Weise ist unsere Aufmerksamkeit auf die sichtbare äußere Welt gerichtet. Sie muss sich von allem Äußeren zurückziehen und nach innen wenden, um sich selbst zu erkennen. Und welches Auge kann innen die Wirklichkeit sehen? Jenes Auge ist anders – es ist das selbstleuchtende innere Auge, das in den Schriften "Drittes Auge", "Einzelauge" oder "Shiv Netra" heißt, von dem gesagt wird: "Wenn dein Auge einfältig ist, wird dein ganzer Leib Licht sein." Dieses Auge öffnet sich, wenn wir unsere Aufmerksamkeit von allem Äußeren zurückziehen und uns unserer wahren Identität bewusst werden und dann die höchste Kraft erkennen. Wenn man Ihn in allem eingebettet und in allem wirken sieht, wird man die ganze Schöp­fung lieben.

Ein Mensch ist, wer in allem vollkommen ist: Physisch, intellektuell und spirituell. "Seid vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist." Wir geben dem Körper und auch dem Intellekt Nahrung, aber welche Nahrung geben wir der Seele, die eine bewusste Wesenheit ist? Was ist Nahrung für die Seele? Der Mensch kann nicht vom Brot allein leben. Die Nahrung für die Seele, die bewusste Wesenheit, ist, mit Gott in Verbindung zu kommen, dem Meer allen Bewusstseins, der Höchsten Kraft, die der ganzen Schöpfung Leben gibt. Die Seele muss diese Kraft erkennen, muss sich mit ihr verbinden. Wer sich physisch, intellektuell und auch spirituell ent­wickelt hat, kann ein vollkommener Mensch genannt werden. Der Sinn aller Religio­nen oder Gemeinschaften ist, solche vollkommenen Menschen hervorzubringen. Der Mensch muss zuerst Mensch im wahren Sinne des Wortes werden. Selbst Gott sucht nach einem Menschen – nach einem vollkommenen Menschen. Wer ist ein (wahrer) Mensch? Derjenige, der eine Verkörperung des idealen Menschen ist und Gott und die ganze Schöpfung liebt, da Gott in jedem Herzen wohnt. Sein Körper und seine Seele sollten Liebe und Menschlichkeit ausstrahlen. Er sollte jeden lieben und achten, Gleichgestellte, Vorgesetzte und die ihm Untergebenen, denn Gott wohnt in jedem von ihnen.

Was bedeutet Mensch sein? Ein wahrer Mensch ist, wer vor Liebe und Mitleid über­fließt, wer sich selbst und Gott kennt. Er liebt Gott, und da Gott in jedem Herzen wohnt, liebt er die ganze Schöpfung. Gott ist Liebe, und der Mensch, der vom glei­chen Wesen wie Gott ist, ist eine Verkörperung der Liebe. Wer die göttlichen Strah­len der Liebe aussendet, kann wirklich Mensch genannt werden. Die äußeren Kenn­zeichen der verschiedenen Religionen und Gemeinschaften tragen wir, weil diese die Aufgabe haben, wahre Menschen hervorzubringen, die im menschlichen Körper die Herrlichkeit des Menschen widerspiegeln und als Bewohner des Körpers die Herrlich­keit Gottes. Der Mensch sollte sein wahres Selbst erkennen, nämlich, dass er Gott plus Mensch, das heißt, ein Gottmensch ist, und als solcher sollte er eine Verkörpe­rung der Liebe sein. Liebe kennt Dienen und Opfern. Daher sollte er an das Wohl der anderen denken und nicht an sein eigenes Interesse.

Bruder der ganzen Schöpfung zu sein, ist daher das Ideal des Mensch seins. Man soll­te seinen Lebensunterhalt auf ehrliche Weise verdienen und ihn mit anderen teilen. Wenn wir solche "Pak" (reine Menschen) in großer Zahl hätten, würde die Welt zu "Pakistan", zum Land der Reinen werden! Und wenn wir eine Überzahl von "Khalis" (reinen Menschen) hätten, würde die Welt zu "Khalistan", zum "Land der Khalsas", der Reinen, und sie könnten das Reich Gottes auf Erden bringen. Das Land ist gut, das eine große Anzahl solcher Menschen hat. Der Mensch sollte für die anderen leben. Wer seinen Bruder nicht hungern oder Not leiden lässt, sichert sich damit die Erfüllung seiner eigenen Notwendigkeiten, denn Gott, der in jedem Herzen wohnt, wird ihn sicher mit allem Notwendigen versorgen.

Alle Meister, die im Osten oder im Westen kamen, sagten, dass Gott Liebe ist. Die Seele, die vom gleichen Wesen ist wie Gott, ist auch Liebe. Liebe braucht jemanden, an den sie sich binden kann. Eigentlich hätte sich unsere Seele an Gott binden sollen, doch wir haben uns an die Welt gebunden. Alle Meister sagen: Liebe deinen Gott, und da Gott allen Formen innewohnt, liebe die ganze Schöpfung! Wir aber sagen: "Wie können wir Ihn lieben, den wir nicht sehen?" Die Antwort darauf ist: "Sucht die Gemeinschaft eines Meisters, der Ihn verwirklicht hat! Er wird euch eine prakti­sche Erfahrung davon geben, wie man sich über das Körperbewusstsein erhebt und im Innern die Wirklichkeit sieht." Die Meister kommen, um die Menschen, die nicht sehen, sehend zu machen. Wenn sich die Aufmerksamkeit nach innen wendet, um sich am Sitz der Seele zwischen und hinter den Augen zu sammeln, erkennt sie ihre wahre Identität, sie erkennt, dass sie der Bewohner ist, der den Körper kontrolliert, und dass es eine höhere Kraft gibt, die die Seele im Körper kontrolliert. Guru Nanak sagt in diesem Zusammenhang: Nanaks Gott ist überall sichtbar. Und Kabir sagt: Ich sah Ihn, das unerschaffene Prinzip, das allem innewohnt, und all meine Zweifel zerstreuten sich.

Liebe kommt durch Sehen. Man kann nicht jemanden lieben, den man nicht sieht. Wie können wir Gott sehen? Die Upanishaden sagen: "Solange die nach außen ge­henden Sinneskräfte nicht kontrolliert und Gemüt und Verstand nicht zur Ruhe ge­bracht sind, kann man Gott nicht erkennen." Wenn man Ihn in allem sieht, wird man natürlich die ganze Schöpfung lieben und für alle das Beste tun. Durch dieselbe Erfahrung bewegt, sagte Guru Nanak: Friede sei auf der ganzen Welt nach Deinem Willen, oh Herr!

Ein wahrer Gottliebender wird alle Botschafter Gottes lieben, die in der Vergangen­heit kamen, wie auch alle schriftlichen Zeugnisse ihrer Wiedervereinigung mit dem Selbst und mit Gott. Er wird die ganze Menschheit und Gottes übrige Schöpfung in ihren vielen Formen lieben. Er wird alle heiligen Orte achten, die zu der einen oder anderen Zeit durch die Anwesenheit eines Gottmenschen geweiht wurden und nun als Pilgerorte verehrt werden. Niemals wird er irgend jemanden in Gedanken, Worten und Taten verletzen. Liebe kennt Dienen und Opfern. Ein Mensch ist, wer für andere lebt. Nur ein Tier lebt für sich selbst und seine Nachkommen.

Es fehlt heute nicht an Predigern. Man kann viele Bücher lesen, aber solange man nicht danach handelt, ist alles Lesen sinnlos. Wir haben unseren Intellekt entwickelt, aber unser Herz vernachlässigt. Das ist der Grund für all unsere gegenwärtigen Kon­flikte. Was ich euch jetzt gesagt habe, ist nichts Neues. Ich habe euch die Essenz des Verstehens gegeben, das ich zu Füßen meines Meisters und durch ein vergleichendes Studium der Religionen erhielt. – Oh Mensch, erkenne dich selbst, wer du bist und was du bist! Ein persischer Heiliger sagt: Oh Mensch, du kennst den Wert von allem. Wenn du jedoch deinen eigenen Wert nicht kennst, bist du ein Narr. Die Meister ma­chen einen Menschen zuerst zu einem wahren Menschen, machen ihn einem Engel gleich und erheben in dann zur Ebene Gottes.

Die drei Voraussetzungen der Gott-Verwirklichung sind: reine Nahrung, richtige Le­bensweise und richtiger Umgang mit anderen. Guru Nanak sagt: Oh Nanak, sprich den Namen Gottes mit einem reinen Herzen aus. Die weltlichen Menschen beschmut­zen sich selbst durch ihre dunklen Wege. Guru Amar Das sagt: Wenn das Gemüt un­rein ist, wird alles befleckt. Wenn man den Körper wäscht, wird das Gemüt noch lan­ge nicht rein. Die ganze Welt läuft im Trott der Täuschung, wenige nur gibt es, die die Wirklichkeit kennen. Was ist jene Befleckung oder Unreinheit? Es ist ein Leben der Sinne. Gott plus Wunsch ist der Mensch, und Mensch minus Wunsch ist Gott.

Während meiner dritten Weltreise stellte ich fest, dass jetzt überall ein großes Erwa­chen stattfindet. Die Erneuerung der Gesellschaft ist von der Erneuerung des Men­schen abhängig. Ziegelsteine können in jeder Brennerei hergestellt werden. Wenn sie stark und von guter Qualität sind, wird das Haus gut gebaut sein. Wenn aber die Zie­gelsteine nicht sorgfältig gebrannt wurden und das Material schlecht ist, kann man kein gutes Haus bauen. So sollte der Mensch zuerst Mensch im wahren Sinne des Wortes sein, in welcher Gemeinschaft er auch immer lebt. In jeder Hinsicht findet heute ein allgemeines Erwachen statt. Die Menschen sind so unglücklich, möge Gott ihnen Frieden und Glück gewähren. Der Weg dorthin ist, die Gemeinschaft erwach­ter Menschen zu suchen.

Die Lehren der Meister werden sowohl direkt als auch indirekt durch Gleichnisse ver­mittelt. In den Purunas  (Hindu - Schriften) gibt es ein schönes Gleichnis: Gott lud die Engel und die Dämonen zum Mahl. Als das Essen aufgetragen war, sagte Gott: "Ihr seid herzlich eingeladen, euch an dem Mahl zu erfreuen. Aber eine Bedingung dabei ist, dass ihr das Essen einnehmen müsst, ohne dabei die Ellenbogen zu beugen." Die Dämonen, die nicht viel Verstand hatten und dazu neigten, ohne Überlegung zu han­deln, sagten: "Gott hat uns beleidigt, denn wie können wir essen, ohne die Ellenbo­gen zu beugen?" Und daraufhin gingen sie unter Protest. Die Engel aber dachten darüber nach, denn der Vorschlag war von Gott gekommen, und so musste ein Sinn dahinter sein. Nach einiger Zeit verstanden sie den Sinn hinter der scheinbar seltsa­men Bedingung und begannen, einander mit ausgestreckten Armen das Essen zu rei­chen. Auf diese Weise konnten alle essen, ohne ihre Ellenbogen zu beugen. Kabir be­tont das gleiche: Solange du im menschlichen Körper lebst, gib, gib, gib! Wenn du den Körper verlässt, wer wird dann zu dir kommen und dich um etwas bitten?

Es ist ein Segen, in einer Gemeinschaft geboren zu sein, doch der eigentliche Sinn, ei­ner Gemeinschaft anzugehören, war, sich zur Universalität zu erheben. Wenn man dieses Ziel nicht erreicht, hat es keinen Sinn, nur die äußeren Kennzeichen der einen oder anderen Gemeinschaft zu tragen. Der bekannte Dichter Iqbal sagt in einem Ge­dicht, dass Moses in seiner Suche nach Gott den Berg Sinai bestieg. Wußte er denn nicht, dass Gott selbst nach einem vollkommenen Menschen suchte? Die ganze Menschheit ist eins. "Seid gut und seid eins!" "Leben und leben lassen", sollte ihr Leitspruch sein. Guru Nanak sagt: Das Höchste ist, sich zur universalen Bruder­schaft zu erheben, ja, alle Geschöpfe als seinesgleichen zu betrachten.

Das Ideal, dass die Menschheit eins ist, wurde euch dargelegt. Wir sind alle eins, das ist wahr, aber wir haben den Zustand des Einsseins noch nicht erreicht. Wann wird das sein? Wenn wir Ihn in allem sehen und alles in Ihm. Doch dafür sind Anstren­gungen von unserer Seite notwendig. Wir sollten zum Allmächtigen beten, dass Er uns die Kraft gibt, unseren Blickwinkel zu ändern. Darum möchte ich alle Brüder und Schwestern hier bitten, still zu sitzen, die Augen zu schließen und die Aufmerk­samkeit von allem Äußeren zurückzuziehen und in aller Aufrichtigkeit aus der Tiefe eures Herzens zu Gott zu beten. Ein wahres Gebet, das aus dem Herzen kommt, wird immer beantwortet. Und was ist ein wahres Gebet? Wenn Herz, Verstand und Zunge in voller Übereinstimmung sind: Was der Verstand denkt, fühlt das Herz, und die Zunge bringt es zum Ausdruck. Der Allmächtige hört auf solche Gebete.

Zuerst sollte das Gebet wahr sein, es sollte aus dem Herzen kommen, die Zunge soll­te es in gleicher Weise zum Ausdruck bringen, und auch der Verstand sollte völlig da­mit übereinstimmen. Das ist ein wahres Gebet. Der nächste Schritt ist, an der Tür, dem Sitz der Seele, zu sitzen und geduldig zu warten. Durch Eile wird nichts erreicht. Ich sage euch, wir haben das Ideal vor uns, dass die ganze Menschheit eins ist. Die Kennzeichen der verschiedenen Glaubensgemeinschaften kamen später. Gut, jeder soll sie tragen, es sind die Kennzeichen der jeweiligen Schule, der wir uns angeschlos­sen haben, um unser wahres Selbst und Gott zu erkennen. Die Schule ist die beste, in der die meisten Studenten erfolgreich die Prüfung bestehen. Betet aufrichtig und aus der Tiefe eures Herzens zu Gott. Er ist in euch und hört all eure Gebete. Er kennt ganz genau die Richtung eurer Gedanken, die Art und Weise, wie sie sich formen. Sitzt nun still und zieht eure Aufmerksamkeit von außen zurück und betet:
Oh Gott, wir sind gestrandet. Wir haben den Weg verloren.Zeig Du uns den Weg. Wir sind al­le eine Familie, Kinder desselben Vaters. Und Du bist unser Vater!