Wir alle sind Liebende, Ergebene einer höheren Kraft, tausende von Liebenden, aber der Geliebte ist einer für alle. Er, nach dem wir uns sehnen, ist der Geliebte der ganzen Welt. Es gibt nicht einen speziellen Gott nur für Muslime, nur für Hindus, nur für Christen, Er ist der eine Gott für alle.

Sant Kirpal Singh

Auszug aus einem Vortrag Sant Kirpal Singhs im Sawan Ashram, Delhi


Die Materie unterliegt dem Wandel, und der Körper und die Welt, die aus Materie zusammengesetzt sind, verändern sich ebenfalls. Wenn zwei Dinge gleichzeitig einen relativen Wandel durchlaufen, bemerkt man es nicht. Ich habe oft versucht, dieses Phänomen durch ein Beispiel zu erklären: Angenommen, ein Boot treibt in einem Strom mit der Fließgeschwindigkeit des Wassers, dann hat der, der im Boot sitzt, das Gefühl, das Boot bewege sich nicht. Steht aber jemand am Ufer, so kann er klar erkennen, dass sowohl das Boot als auch das Wasser sich in der gleichen Geschwindigkeit fortbewegen.

Mit anderen Worten: Aus reinem Mitgefühl richtet eine erwachte Seele unsere Aufmerksamkeit auf unser trauriges Schicksal. Weil wir aber im mächtigen Schauspiel der Materie gefangen sind, hören wir nicht auf ihren Ruf. Wir halten die physische Gestalt für Wirklichkeit und denken, wir würden für immer in der Welt leben. Alle großen Seelen machen uns jedoch klar, dass die Welt unbeständig ist, während die Seele etwas Beständiges ist – wahr, ewig und unwandelbar.

Das Mahabharata Epos spielt darauf an, als Yaksha König Yudishtra fragt: "Was ist das Seltsamste in der Welt?" Seine Antwort war: "Tagtäglich sehen wir um uns herum Menschen sterben. Freunde und Verwandte tragen ihre sterblichen Überreste zum Friedhof oder Verbrennungsplatz und zünden den Scheiterhaufen mit eigenen Händen an. Und dennoch denken die Menschen, sie selbst würden niemals sterben." Es ist schon seltsam – welche Ironie! Alle, ob gebildet oder ungebildet, reich oder arm, hoch oder niedrig leiden unter der gleichen Täuschung.

Was lehren uns die Heiligen? Lernt, wie man sich über den Tabernakel des Fleisches erhebt, und ihr seid fähig, alles in der richtigen Perspektive zu sehen. Ihr erkennt dann das sich ständig wandelnde Panorama des Lebens und versteht die Wahrheit, die in den Schriften niedergelegt ist: Unbeständig ist die Welt, aber ewig die Seele. Alle großen Seelen, die von Zeit zu Zeit in die Welt kamen, bemühten sich, unsere Aufmerksamkeit auf diese Wahrheiten zu lenken. Ob sie es nun durch die Mantras der Veden in Sanskrit ausdrückten, oder persisch oder arabisch sprachen – die Essenz ihrer Lehren war immer dieselbe: Diese Welt ist kein Ort, an dem wir für immer bleiben können.

Soamiji betont: In Wirklichkeit sind wir Geist, in den Körper gekleidet. Der Körper ist unser erster Begleiter, wenn wir in die Welt kommen. Alle unsere Beziehungen in der Welt bestehen aufgrund des Körpers, sie kamen zustande, nachdem wir ihn erhalten hatten. Beim Tod bleibt die irdische Hülle zurück und jeglicher Besitz in der Welt verliert seine Bedeutung. Sagt mir also: Wer von allen ist wirklich euer Freund? Die Heiligen gaben darauf folgende Antwort:

Unsere wahren Freunde sind diejenigen,
in deren Gemeinschaft wir richtiges Verstehen entwickeln.


Allein schon ihr Anblick sollte den Schleier der Unwissenheit, der über uns liegt, beseitigen. Wir betrachten das Unwirkliche als Wirklichkeit, und das bezeichnet man als Täuschung. Begegnen wir jedoch einer erleuchteten Seele, so beseitigt sie den Schleier der Dunkelheit und befähigt uns dadurch, zwischen Wirklichem und Unwirklichem zu unterscheiden. Solche Menschen allein kann man als wahre Freunde bezeichnen. Sie sind sehr, sehr selten, aber die Welt ist niemals ohne einen von ihnen. Da der physische Körper uns nicht begleitet, brauchen wir die Gemeinschaft von einem, der für immer bei uns bleibt – hier und danach. Wer kann das sein? Es liegt auf der Hand, dass es nur Gott sein kann. Er ist die Seele unserer Seele; Er ist unser Lebensprinzip. Wir leben in Ihm, wir bewegen uns in Ihm, unser ganzes Sein ist in Ihn eingebettet. Neben Ihm sind auch solche Menschen, in denen Er offenbar ist, unsere Freunde für die Ewigkeit. Sie sind tatsächlich ein menschlicher Pol, durch den die Kraft Gottes wirkt.

Die großen Lehrer raten uns eindringlich, alle unsere weltlichen Verhaftungen zu durchtrennen und die immerwährende Freundschaft erleuchteter Seelen zu suchen. In den Wechselfällen des Lebens stehen unsere Freunde und Verwandten uns nicht zur Seite: Manche verlassen uns, wenn wir in Armut geraten,  manche bei langer Krankheit und Siechtum oder in Not und Unglück. Im besten Fall helfen euch ein paar von ihnen bis zum Verbrennungsplatz, mehr nicht. Wenn man um das Leben kämpft und diesen Kampf schließlich gegen den Tod verliert, stehen auch die aufrichtigsten Freunde nur als stille Beobachter dabei. Sucht deshalb die spirituelle Führung dessen, der euch die Mysterien des Jenseits enthüllt und euch eine Erfahrung außerhalb des Körpers gibt – eine Erfahrung, die man sonst erst beim Tod erhält. Und auch, wenn wir schließlich die irdische Hülle abschütteln, sollte Er bei uns sein. Das ist die Definition eines wirklichen Heiligen. Leider aber muss man sagen, dass diese Bezeichnung heute für solche gebraucht wird, die sich nur darauf verlassen, äußerlich etwas zur Schau zu stellen und aus den Schriften zu predigen.

All unsere Liebe schenken wir der Welt und allem, was weltlich ist: Frau und Kindern, Freunden und Verwandten, Reichtum und Besitz. Diese weltlichen Dinge sind alle Tod und Verfall unterworfen. Früher oder später lassen sie uns im Stich.

Wir sollten uns selbst vor dieser großen Täuschung bewahren. Niemand in der Welt ist unser bester Freund, denn jeder verlässt uns wieder zu gegebener Zeit.

Dieser Schwan (die Seele) geht ganz allein.

Hier stellt sich die Frage, welche Vorbereitungen wir für die letzte Reise getroffen haben. Das ist ein Thema für alle Gemeinschaften und Religionen. Sucht die Gemeinschaft einer entwickelten Seele, eines Menschen wie wir, der jedoch Gott erreicht hat. Ihr könnt ihn nennen, wie ihr wollt. Nennt ihn einen Menschen der Intuition, der euer inneres Auge öffnet.

Große Seelen haben unsere Aufmerksamkeit immer auf die elementaren Dinge des Lebens gerichtet. Sie haben sich bemüht, die unumstößlichen Wahrheiten durch Beispiele zu erklären:

Erkenne, mein Freund, dass die Schöpfung der Welt
Ganz und gar unwirklich ist.
O Nanak, sie ist so unbeständig wie eine Mauer aus Sand.

Mit "unwirklich" ist das gemeint, was nicht ewig ist, also keinen Bestand hat. Alles, was wir um uns herum sehen, gleicht einer Mauer aus Sand, die nicht lange steht. Sobald das Wasser trocknet, zerfällt sie. Es heißt: "Die Welt ist nur ein Traum – das Spiel eines Jongleurs." Nur kurze Zeit währt das magische, unwirkliche Spiel.

Jeder von uns hängt an den vergänglichen Dingen der Welt. Gott ist unsterblich, aber wir haben Ihm keine Beachtung geschenkt. Die ganze Welt ist Tod und Verfall unterworfen und auch der physische Körper ist aus Staub. Es heißt: "Staub seid ihr und zu Staub werdet ihr werden."

Eines Tages werden wir von unserer sterblichen Hülle getrennt. Was sollen wir in dieser misslichen Lage tun?

Wir bauen unsere Häuser auf Sand. Wir segeln auf Schiffen aus Papier (dem Körper). Einer, der verstanden hat, dass das Leben auf der physischen Ebene nur sehr kurz ist und man eines Tages sein Bündel schnüren muss, belügt und betrügt keinen, verleumdet niemanden und denkt nicht schlecht über andere. Leider aber denken wir niemals – auch nicht einen Augenblick lang – an den Tod.

Das sind die Aussagen großer Seelen; sie sind in unserer Zeit genauso wahr wie in der Vergangenheit. Ein spirituell Erleuchteter, der fähig ist, die innere Verbindung mit der rettenden Lebensschnur herzustellen, wird als Sadhu, Sant oder Mahatma bezeichnet. Die Notwendigkeit solcher Meisterseelen bestand in der Vergangenheit und wird auch in der Zukunft immer bestehen. Sie sind die Retter der Menschheit. Wer in der Farbe von Naam gefärbt ist, bleibt unbeeindruckt vom Glanz der äußeren Welt. Wo beginnen die weltlichen Leidenschaften? Sie überkommen uns auf der Ebene des Körpers und der Sinne. Nur wenn man das Körperbewusstsein überschreitet, verbindet man sich mit dem Licht des Lebens. Naam hat mit dem äußeren Sehen nichts zu tun. Man kann es nicht auf der Ebene der Sinne wahrnehmen. Es ist das Wissen vom Jenseits. "Das Elixier des göttlichen Wortes ist überaus süß." Wenn man davon kostet, werden die weltlichen Vergnügungen geschmacklos und verlieren ihren Wert. In der Gemeinschaft mit einer erwachten Seele erfährt man die spirituelle Berauschung von Naam, und die Sinnesvergnügungen werden ihren Reiz verlieren.

Darin liegt der Unterschied zwischen einem gewöhnlichen Menschen und einem Menschen, der Erkenntnis besitzt. Beide erfüllen ihre weltlichen Verpflichtungen auf fast gleiche Weise. Doch während der eine völlig in der Welt aufgeht, führt der Gottmensch ein losgelöstes Leben. Wer Neh-Karma oder "tatenlos im Tun" bei all seinem Handeln bleibt, ist eine befreite Seele.

Gute wie schlechte Taten halten uns in Gefangenschaft. Sogar die Inkarnationen (Avatare) sind an den Kreislauf der Seelenwanderung gebunden. Nur wenn man ein bewusster Mitarbeiter am göttlichen Plan wird, wird man aus dem karmischen Netz befreit. Welche Besonderheit hat eine solche Seele? Guru Nanak sagt in diesem Zusammenhang: "Wer in Übereinstimmung mit Seinem Willen ist, o Nanak, ist völlig frei von Ego."

Eine dunkle und furchterregende Nacht erwartet uns.
Solange es Tag ist, sollten wir etwas Wertvolles vollbringen.

Die Nacht folgt auf den Tag. Das menschliche Leben ist die einzige Gelegenheit, die uns zur Verfügung steht, höheres Bewusstsein zu erhalten. Wir sind völlig unwissend über das Leben nach dem Tod. Deshalb sollten wir uns beeilen, solange die Sonne scheint. Erkennt euch selbst und das Überselbst. Wer während des Lebens Erleuchtung erlangt, wird auch nach dem Tod in (diesem Zustand) sein. Ein gebildeter Mensch wird auch, nachdem er seinen vergänglichen Körper abgelegt hat, gebildet sein. Ein ungebildeter Mensch wird nach dem Tod nicht zu einem Gelehrten werden. Das höchste Ideal, das die Heiligen verkündeten, ist, die Erlösung während des Lebens zu erlangen. Das Versprechen, dass wir nach dem Tod die Erlösung erlangen werden, ist wertlos.

Es heißt:
O Gott, wenn Du uns erst nach dem Tod Erlösung gewährst,
Was hat sie dann für einen Wert? Sie ist wertlos.


Das menschliche Leben wurde uns für einen bestimmten Zweck gegeben: zur Selbst- und Gotterkenntnis. Wenn wir hier und in diesem Leben nicht diese Selbst- und Gotterkenntnis erlangen, werden wir es später bereuen. Wir kommen weinend und gehen weinend (von dieser Welt). Sind wir aber fähig, das Rätsel des Lebens zu lösen, während wir im Körper sind, werden wir (diese Welt) glücklich verlassen.