Von Sant Kirpal Singh, erschienen im Sat Sandesh, Juli 1970


Habt ihr Sehnsucht nach der Wahrheit, verbringt jeden Atemzug in Hingabe, und stehlt euch davon vor den Verhaftungen der Welt, indem ihr die Augen des Herzens abwendet. Von Roza (dem muslimischen Fasten) erlangt den eigentlichen Sinn, und lasst alle äußeren Praktiken beiseite, verrichtet das wahre Gebet und erfreut euch nach Herzenslust am Brot der Liebe.

Versteht ihr die Bedeutung dessen? So wie man sich für die äußeren Gebete zuerst Hände und Füße waschen soll, so solltet ihr, wenn ihr euch in Erinnerung an Gott hinsetzt, euer Gemüt von den weltlichen Verhaftungen rein waschen, nur dann wird es ein wahres Gebet sein. Wenn ihr in der Lage seid, ein wahres Gebet zu verrichten, welches Gebet ist dann besser, das äußere oder das innere? Vergleicht einfach beides miteinander.

Es heißt, wenn man innen erfolgreich ist, sollte man dem mehr Zeit widmen. Wir aber neigen dazu, den äußeren Dingen mehr Zeit zu schenken. Ich traf einmal einen gelehrten Pandit (jemand, der in theologischem Wissen bewandert ist). Er erhielt eine innere Verbindung. Danach setzte er drei Stunden täglich dafür ein, die vedischen Mantren zu lesen, und eine halbe Stunde für die innere Meditation. Wenn ihr das, was in den vedischen Mantren erwähnt wird, erhalten habt, werdet ihr dann mehr Zeit dafür verwenden, weiterhin die Heiligen Schriften zu lesen, oder dafür, das zu tun, was die Heiligen Schriften euch sagen? Man sollte beides sorgfältig gegeneinander abwägen und entscheiden, wofür man mehr Zeit einsetzen will. Hat man die innere Verbindung jedoch nicht erhalten, sollte man das, was man als religiöse Verehrung ausführt, nicht aufgeben – was es auch sei, sonst wird man ganz und gar der Verlierer sein.

Was ist der Sinn der verschiedenen Bräuche? Im Tempel entzündet man ein Licht und läutet eine Glocke. Dies ist eine äußere Art der Verehrung. Wenn sich aber andererseits stattdessen das innere Licht im Innern offenbart, welcher Übung sollte man dann mehr Zeit widmen? Natürlich der Inneren. Man mag die äußeren Übungen beenden, solange man jedoch die innere Verbindung hat, braucht man sich nicht zu sorgen. Wir haben sie (die innere Verbindung) erhalten, aber was machen wir? Wir führen weiterhin die äußeren Übungen aus und widmen der inneren Übung keine Zeit – das ist bedauerlich. All die äußeren Dinge wurden dazu erdacht, uns zur inneren Wahrheit zu führen.

Diese Situation erinnert mich an die Geschichte eines Mannes, der zu einem Priester ging, um Parshad (gesegnete Speise) zu erhalten. Er nahm den Parshad in die eine Hand und versteckte ihn hinter seinem Rücken, dann streckte er die andere Hand aus, um noch mehr zu bekommen. Der Priester gab ihm nicht mehr und ein Hund kam vorbei und fraß das, was er hinter dem Rücken versteckt hatte.

Was wir bereits erhalten haben, nützen wir nicht, und das, was wir jetzt erhalten, beachten wir  nicht, und so stehen wir mit leeren Händen da. Die äußeren Übungen sind die ersten Schritte, man sollte sie aufs Beste nützen. Wenn man dann den Sinn und Zweck, der ihnen zugrunde liegt, erlangt hat, dann sollte man dem mehr Zeit widmen. Sehr oft setzen wir drei oder vier Stunden für äußere Dinge ein, und nur fünf oder zehn Minuten für die innere Praxis.

Die Bedeutung dieser Hymne ist, dass wenn jemand einmal die wahre Verbindung im Innern erhalten hat, es von geringer Bedeutung ist, ob er die äußeren Gebete und Gebräuche einhält oder nicht. Tatsächlich wird jemand, der sich am wahren inneren Gebet erfreut, die äußeren Praktiken vergessen.

Mit jeder Rosenkranzperle solltet ihr die Nächte der Trennung (vom Herrn) zählen. Verwerft alle äußeren Gebete und singt allein das Lied der Wahrheit.

Manche Menschen beten den Rosenkranz vielleicht ein- oder zweihundert Mal, und es ist gut, an Gott zu denken – doch wenn die Aufmerksamkeit eines Menschen zurückgezogen wird, und er mit der inneren Wahrheit in Verbindung kommt, wie kann er dann an den Rosenkranz denken? Seine Aufmerksamkeit oder die Seele hat sich völlig von außen zurückgezogen. Versteht die Worte der Hymne und die Bedeutung dahinter nicht falsch – ihr könnt es selbst vergleichen. Ihr solltet nach innen gehen. Wenn jemand die innere Praxis (der Meditation) nicht ausführt und gleichzeitig auch die äußeren (Arten der Verehrung) aufgibt, was dann? Man sollte zumindest etwas tun.

Nehmt nicht ein Bad in den heiligen Flüssen Ganges, Jumna oder Pushkar (in der Hindureligion gibt es verschiedene heilige Flüsse, in denen die Menschen ein Bad nehmen, in der Hoffnung, Erlösung zu erlangen), sondern taucht beständig ein in den Ozean der Liebe.

Der Grund für eine Pilgerreise ist, zu einer heiligen Persönlichkeit zu kommen und Zeit in der liebevollen Erinnerung an Gott zu verbringen, während man bei ihr sitzt. Wenn diese Erinnerung sehr stark wird, wird man dadurch berauscht. Dann kommt man in folgenden Zustand: Kein Wort kommt über die Lippen, aber mit den Augen werden die Tränen die Geschichte erzählen.

Es gibt die bekannte Liebesgeschichte von Prinzessin Laila und Majnu, die die Kraft der (liebevollen) Erinnerung zeigt. Eines Tages hatte Laila sich auf den Weg zu Majnu gemacht. Unterwegs kam sie zu einem muslimischen Priester, der "Namaz" (seine Gebete) ausführte. Sie breiten dabei einen Teppich vor sich aus, was bedeutet, dass sie sich selbst ganz von der Welt zurückgezogen haben und niemand zwischen ihnen und Gott steht. In dieser Haltung verrichten sie dann ihre Gebete. Laila war in Gedanken an ihren geliebten Majnu und trat auf den Gebetsteppich, als sie vorüberging. Der Kazi Sahib, der Priester, wurde ungehalten und begann, die Prinzessin zu  beschimpfen, aber sie hörte ihn nicht. Als sich der Priester nach seinem Wutanfall wieder gefangen hatte, wurde ihm bewusst, dass er eine Prinzessin beschimpft hatte, und er fürchtete, dass der König ihn köpfen lassen würde. So wartete er auf ihre Rückkehr. Als sie näher kam, trat er vor und sagte: "Bitte vergebt mir, ich habe einen schlimmen Fehler begangen." Sie fragte, was er getan habe, und er erwiderte: "Ihr seid über meinen Gebetsteppich gelaufen und ich habe euch beschimpft." Prinzessin Laila schaute ihn vor Überraschung mit großen Augen an und fragte: "In wessen Gedenken seid ihr hier gesessen? Ich dachte nur an einen Sterblichen und habe euch und euren Gebetsteppich nicht gesehen – was ist das für ein Gebet?"

Versteht ihr? Wenn ihr das Wahre erhaltet, lasst ihr die äußeren Dinge beiseite. Wenn der Baum beginnt, Früchte zu tragen, fallen die Blüten von selbst ab. Ein Baum blüht zuerst und trägt dann Früchte – diese Früchte werden reif. Die Blüten – die äußeren Praktiken – werden von selbst wegfallen, wenn sich daraus Früchte entwickeln. Alles hat seinen eigenen Wert.

Verehrt keine Götzenbilder – nichts liegt darin. Wendet euer Herz von Götzenbildern ab, und beginnt die Wahrheit in euch zu verehren.

Wie ich gerade gesagt habe, gibt es verschiedene Götterbilder, aber wenn Er selbst in euch erscheint, ist das weitaus besser als irgendein Abbild. Eine solche Art der Verehrung gehört zu den ersten Schritten, die man macht. Sie sollen einem helfen, Gott zu lieben. Aber wenn ihr mich nach meiner Meinung fragt: Wie kann ein Mensch jemanden lieben, den er nie gesehen oder getroffen hat?

O Geschöpf, verliere dich nicht darin, deinen Körper zu schmücken. Reise zum Elixier des Lebens und vergiss dabei den Körper, der aus Staub gemacht ist, immer mehr. Gib alle weltlichen Verhaftungen auf und rauche das wahre Soolfa (eine Art Haschisch). Mit jedem Atemzug lass nur den Korken der Flasche der Liebe springen. Wenn die Berauschung nachlässt, trinke und trinke immer wieder. Auf diese Weise sei so berauscht, dass die weltliche Berauschung verblasst.

Die äußeren Arten der Berauschung werden von selbst verschwinden, wenn man die wahre Berauschung im Innern erlangt. Wenn diese innere Berauschung nachlässt, dann trinkt mehr davon – aber wo? Man kann sie nur in der Gemeinschaft desjenigen erlangen, der sie selbst erhalten hat. Wenn sie nachlässt, sollten wir wieder davon trinken. Das bedeutet, dass wir immer wieder in Seiner Gemeinschaft sein sollten, um die Berauschung wieder aufzufüllen, die dadurch entsteht, dass wir in Seiner Gegenwart sind. Wenn wir das tun, werden wir eines Tages ständig berauscht sein. Die äußeren Arten der Berauschung werden schwächer, aber täglich mit der inneren Berauschung in Verbindung zu sein, lässt diesen Zustand (der Berauschung) immer stärker werden, bis man zu dieser Berauschung selbst wird.