Wir alle sind Liebende, Ergebene einer höheren Kraft, tausende von Liebenden, aber der Geliebte ist einer für alle. Er, nach dem wir uns sehnen, ist der Geliebte der ganzen Welt. Es gibt nicht einen speziellen Gott nur für Muslime, nur für Hindus, nur für Christen, Er ist der eine Gott für alle.

Sant Kirpal Singh

Von Sant Kirpal Singh, über ein Gedicht, dass Er an Seinen Meister Baba Sawan Singh schrieb

Diese Hymne, die gerade gesungen wurde, ist ein Gebet des Schülers an seinen Meister.

Er sagt: "Du hast mein Herz verwundet. Nun gibt es kein anderes Heilmittel mehr als Dich selbst! Das Heilmittel für die Wunden dieses Herzens liegt allein in Deiner Hand. Kein anderer Arzt kann sie heilen. Du gehst fort, aber vergiss uns nicht!"

So lautet dieses Gebet. Meister vergisst uns nie, das ist richtig. Doch aus dem schmerzerfüllten Herzen des Schülers kommen diese Worte: "Um Gottes willen, bit­te vergiss uns nicht! Wir können Dich nicht vergessen, vergiss auch Du uns nicht! Schließlich sind wir Dein. Wenn Du uns vergisst, wer wird dann die Wunden unseres Herzens heilen? Welches Heilmittel bleibt uns dann? Welche Linderung kann es für das Herz geben, das sich voller Qual nach dem Anblick des Meisters sehnt?"

Gar nichts – es gibt keine Worte, keinen Trost, der helfen könnte. In Wirklichkeit vergisst der Meister den Schüler niemals. Doch der Schüler weint: "Ich habe nur ein Herz, und Du hast jetzt Besitz davon ergriffen, was soll ich tun? Ich kann an nie­mand anderen denken, als an Dich allein."

Ihr habt ein Herz, nicht zehn oder zwanzig. Ihr könnt nicht ein Herz hier hingeben und ein anderes dort. Ihr habt nur ein Herz und es ist der Thron Gottes. Lasst niemand anderen auf diesen Thron sitzen außer Gott.

Aber was tun wir? Wir überlassen diesen Platz allen weltlichen Dingen und entth­ronen dadurch Gott. Guru Arjan sagt: "Der Meister liebt Seine Schüler und erinnert sich an sie mit jedem Atemzug." Kann eine Mutter ihr kleines Kind vergessen? Auch wenn sie woanders arbeitet; vielleicht gerade etwas in der Küche macht während ihr Kind in seinem Zimmer liegt, ist die Verbindung zwischen den beiden doch immer vorhanden! Wenn sich das Kind bewegt, beginnt die Milch in ihrer Brust zu fließen und wenn das kleine Kind weint, lässt sie sofort alles andere – und sei es das wertvollste – und läuft zu ihrem Kind. Genauso sind wir alle Kinder Gottes, die Kinder des "Gott im Menschen." Er vergisst uns nicht. Aber durch die Sehnsucht des Her­zens betet der Schüler auf diese Art: "Vergiss uns nicht. Denn schließlich gehören wir Dir, selbst wenn Du fortgehst."

Aber ich sage euch, zuerst liebt die Mutter das Kind. Die Liebe des Kindes ist nur die Erwiderung. Die Liebe, die ein Meister für Seine Kinder, für Seine Schüler hat, ist größer als die Liebe von hundert Müttern zusammen. Sie kommt von Gott in Ihm. Er liebt die Seele, Er möchte die Entwicklung der Seele, ohne jedes Motiv und ohne einen Ausgleich zu erwarten – nichts dergleichen. Eine Mutter liebt ihre Kinder viel­leicht mit der Hoffnung, dass sie in ihren alten Tagen für sie sorgen, wenn sie erwach­sen geworden sind. Aber Meister braucht so etwas nicht. Er sieht einfach, dass wir al­le Seelen sind. Gott in Ihm sieht: "Das ist mein Kind."

Je größer die Sehnsucht (nach Ihm) in uns wird, de­sto mehr wird unser Gemüt von allem Schmutz der Welt gereinigt – er wird von den Tränen, die aus den Augen fließen, fort gewaschen. Nur dieses Wasser kann den Schmutz, der sich während vieler vergange­ner Leben angesammelt hat, wegwaschen.

Es gibt zwei Wege wie man von Indien nach Mekka gelangen kann: Einen über das Meer, und den anderen über das Land. Aber der Weg über das Land ist sehr san­dig; es gibt dort kaum Wasser. Durch die arabischen Wüsten gibt es keine Verbin­dungen. So ist es schwer, den Pilgerort zu Fuß zu erreichen; selbst mit Pferden ist es schwierig und ein Wagen kann die Sanddünen nicht durchqueren. Der andere Weg jedoch, der Weg über das Meer, ist schnell: er bringt euch in drei Tagen nach Mekka. So sagte Maulana Rumi* an einer Stelle: "Wenn ihr eine Pilgerreise zu Gott machen wollt, dann nehmt den Weg durch das Meer der Tränen. Ihr werdet schneller sein, als auf dem Weg über das Land und die Wüste."

Was ist damit gemeint? Wenn man Gebete spricht, Riten und Rituale vollzieht oder Schriften mechanisch liest, und das Herz dabei gleichgültig ist, kann es nicht helfen, Gott zu erreichen, es ist wie Gymnastik. Euer Herz sollte übervoll sein – so sehr, dass es durch die Augen überströmt. Einmal trug ein Pandit aus den Schriften die Geschichte von Rama in Sanskrit vor. Ein einfacher Mann (der kein Sanskrit ver­stand) saß bei ihm, hörte ihm zu und weinte ununterbrochen. Der Pandit dachte: "Ich glaube, dieser Mann hat meinen Vortrag wirklich verstanden." Als die Rede zu Ende war, rief der Pandit ihn zu sich: "Nicht wahr, du hast verstanden, was ich vor­getragen habe?" Er antwortete: "Nicht ein einziges Wort." – "Warum hast du dann so sehr dabei geweint?" – "Ich sah vor meinen Augen Lord Rama; mein Herz war erfüllt, und so weinte ich. Während ich in diesen Anblick vertieft war, hörte ich kein Wort von deiner Rede." Solche Liebe ist die Ankündigung von Dingen, die kommen werden.

Bevor der Regen kommt, ziehen sich am Himmel die Wolken zusammen, und wenn der Obstbaum Blüten trägt, ist Hoffnung auf Früchte. So kann ein Herz, das so voll von Sehnsucht und vom Leid der Tren­nung ist, dass die Tränen aus den Augen fließen, Gott am schnellsten erreichen.

Wir aber haben manchmal nicht einen einzigen Gedanken für Gott. Tage um Tage vergehen ohne dass wir einmal an Ihn denken. Vielleicht haben wir noch nicht alle Aspekte des spirituellen Tagebuchs erkannt. Eines ist dabei sehr wichtig: Ihr erinnert euch während des Tages an Gott im Menschen, sonst würdet ihr nicht an Ihn den­ken. Zumindest am Abend werdet ihr zurückdenken: "Was habe ich den ganzen Tag gedacht?" Denn ihr müsst es im Tagebuch eintragen. Ist es nicht ein großer Segen? Wir erkennen die Wahrheit nicht, die den Dingen zugrunde liegt, die uns gegeben wurden. (Wenn ihr das Tagebuch führt) sagt ihr immer zu euch selbst: "Oh mein Herr, das sollte ich nicht tun, jenes sollte ich nicht machen." So denkt ihr immer an Meister oder Gott in Ihm. Ein solches Herz wird bereit, Ihn schnell zu erlangen.

Das war also ein Gebet – so voller Hingabe, voller Sehnsucht: "Oh Meister, Du gehst, aber bitte, vergiss uns nicht. Wir können nicht an Dich denken, wenn Du nicht vorher an uns denkst." Unsere Liebe ist die Erwiderung, wie ich vorher schon sagte. Wenn zwei Schüler eines Meisters zusammensitzen, kommt die liebevolle Erinnerung an Meister ganz von allein. Ist es nicht so? Das ist das erste, warum ihr aufgefordert werdet, die Gruppentreffen nicht zu versäumen. Wenn ihr zusammensitzt, denkt ihr an Meister. Der eine oder andere sagt von selbst: "Das ist so, jenes so", und auf diese Weise wird die Erinnerung wiederbelebt. Und wie Christus sagte: "Wenn mehr als ei­ner in meinem Namen beisammen sind, bin ich da." So werdet ihr Empfänglichkeit entwickeln.

Wenn Meister jemanden initiiert, dann wohnt Er von diesem Augenblick an in ihm und verlässt ihn nie mehr, bis Er ihn in den Schoss des Vaters gebracht hat. Diese Kraft wird Gotteskraft, Gurukraft oder Christuskraft genannt. Eine solche Haltung, und die Zeit, die auf diese Weise genutzt wird, macht uns fähig (Ihn zu erlangen). Sitzt einfach in süßer Erinnerung, ihr werdet Antwort erhalten.

Das ist eines der Gedichte, das ich schrieb, als ich von meinem Meister getrennt war. Aber Worte können diesen Zustand nicht beschreiben. Worte haben keine Macht, die Gefühle des Herzens, die Sehnsucht des Herzens auszudrücken. Eine sol­che Haltung strahlt aus in die Atmosphäre und vertreibt in diesem Augenblick alle fremden äußerlichen Gedanken. Wo ein Adler ist, sind niemals Spatzen, und wenn irgendwo der Adler der Liebe erscheint, erheben sich keine Gedanken. So sagten alle Meister:

"Das Herz wurde euch als heiliges Gut anvertraut. Missbraucht es nicht. Es ist für Gott bestimmt. Lasst nur Gott und nichts Weltliches auf diesem Thron Platz haben."

Solche Gebete helfen euch. Solche Worte kommen direkt aus dem Herzen. Manchmal gebrauchen wir vorgefasste Gebete früherer Meister. Aber das sind Wor­te, die sie sprachen. Die Worte sollten frisch aus unserem eigenem Herzen strömen. Etwas nur mechanisch zu wiederholen kann keine Wirkung haben. Wenn ihr Ihn liebt, seid ihr in Seinem Herzen. "Lasst Meine Worte in euch sein und ihr in Mir." Wie könnt ihr in Ihm wohnen? Indem ihr an Ihn denkt. Je mehr Sehnsucht ihr habt, desto stärker erwidert Er sie. Kostet euch das etwas? – Die Zeit vergeht im Flug!

Während der Zeit der Trennung von Meister (einmal waren es acht Monate), ka­men diese Dinge aus meinem Herzen. Wir haben nur ein Herz, nicht zwei oder drei. Oder wie viele habt ihr? Eines?

Er möchte euer Herz. Wenn ihr euer Herz gebt, was bleibt dann? Wo das Herz ist, geht alles hin – der Körper und die Seele.
 
Das ist mit Hingabe, Ergebenheit gemeint. Den Dingen nur intellektuell zu folgen oder sie philosophisch durchzudenken wird euch nicht weiterhelfen. Würden die Gelehrten nur ein Gramm der Berauschung erfahren, und Sehnsucht nach dem Herrn haben, sie würden alles vergessen und anfangen zu tanzen. Seht ihr? In solch einem Herzen wohnt der Herr. Wir jedoch denken wenn wir beten, an Weltliches, an unsere Kinder, an dies und jenes. Tulsi Das sagte: "Reinigt euer Herz, damit Gott, euer Ge­liebter, sich darin manifestieren kann." Dann beschreibt er genauer, was es bedeutet, das Herz zu reinigen. Er sagt:

"Das Herz, in dem sich kein anderer Gedanke als der an Gott erhebt, ist rein."

Das Herz, in dem die Liebe für Gott, die Sehnsucht nach Gott ist, ist ein geeignetes Gefäß; Gott manifestiert sich darin. Deshalb heißt es: "Gesegnet sind, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen." Das ist mit Reinheit gemeint.