Von Sant Kirpal Singh

Die Ernährung spielt natürlich im Leben eine große Rolle. Wir brauchen die Nahrung zur Erhaltung unserer physischen Existenz. Wir werden von der Natur gezwungen, so lange in der Welt zu sein, wie das Schicksal das Maß unserer Lebensspanne festgesetzt hat oder solange die Karmas noch nicht abgetragen sind. Allein um existieren zu können, müssen wir uns von etwas ernähren. In dieser Hinsicht ist der Mensch ziemlich hilflos. Das Gesetz des Karma ist die Methode der Natur, die Welt auf unsichtbare Weise in ihrem eisernen Griff zu halten, damit sie bevölkert und in Gang bleibt. So ist es umso notwendiger, dass sich der Mensch davor hütet, gedankenlos, unüberlegt und ohne zu unterscheiden, Essgewohnheiten anzunehmen. Da wir nicht ohne Nahrung auskommen können, müssen wir uns zumindest solche Nahrungsmittel aussuchen, die sich für unser spirituelles Streben am wenigsten schädlich erweisen. Unsere Nahrung sollte uns nicht in unnötige karmische Schulden stürzen, die mit ein wenig Sorgfalt zu vermeiden wären. Mit dem Blick auf dieses Ziel wollen wir nun die Natur genauer betrachten.

Die Nahrung des Menschen kommt von der Erde, das heißt von Boden, Luft und Wasser. Wir sehen auch, dass Leben in allem ist, was sich bewegt und in allem, was statisch ist. Die sich bewegenden Geschöpfe leben sowohl voneinander als auch von den Schöpfungsarten, die an ihren Ort gebunden sind – von Gemüse, Pflanzen, Sträuchern, Kräutern, Bäumen und dergleichen. Der Mensch aber freundet sich mit den Geschöpfen an (Vögeln und anderen Tieren), die sich von anderem Leben erhalten, und liebt sie und macht sie zu seinen Haustieren. Die Alten wussten genau, dass Menschen, Vögel und die anderen Tiere alle in denselben karmischen Banden verbunden sind. Im Sinne einer allgemeinen Bruderschaft leistete der Mensch für sich und seine Haustiere schwere Arbeit. Er bestellte das Land, baute Früchte an und erzeugte Nahrung für sich selbst, seine gefiederten Freunde und sein Vieh. Aber im Laufe der Zeit wurde er bequemer, mit dem Ergebnis, dass er den Tieren zuerst die Milch raubte und dann auch noch ihr Fleisch verzehrte.

Entsprechend den moralischen, sozialen und spirituellen Gesetzen menschlichen Verhaltens darf man nicht in das Leben eines Tieres in Gottes Schöpfung eingreifen. In Indien wird diese Lebenseinstellung Ahimsa oder Nichtverletzen gegenüber allen lebenden Geschöpfen genannt. Dies führte zur vegetarischen Ernährung im krassen Gegensatz zur nichtvegetarischen Ernährung. Wenn wir tief über die natürlichen und unnatürlichen Formen der Ernährung nachdenken, kommen wir zu einem besseren Verständnis der Frage der Gunas oder angeborenen Neigungen und Antriebe, natürlichen Anlagen und verborgenen Bestrebungen, die allen empfindenden Wesen eigen sind.

Man muß die Nahrung in Samenfrüchte, Getreide, Gemüse und Obst einteilen, die als Satvik- oder Satoguni-Nahrung gelten. Diese Nahrung ist rein und bringt Heiterkeit und Ausgeglichenheit mit sich, wie sie Weise und Seher auszeichnet. Die Heiligen und Einsiedler, die sich in einsame Höhlen und Hütten zurückzogen, um zu meditieren, bevorzugten immer Kand (Kartoffeln), süße Kartoffeln, Zamikund oder Artischocken usw., die unter der Erde wachsen und gedeihen. Sie aßen auch Mool (Wurzelgemüse) und Phal (Obst): Mool, die essbaren Wurzeln, wachsen auch unter der Erde wie Rettich, Steckrübe und Rote Rübe. Phal (Obst) lieferte ihnen genügend Vitamine und organische Salze in ihrer reinen Grundform, um sie für ein Leben der Konzentration und Meditation tauglich zu machen. Einige der Nahrungsmittel gibt es natürlich in Fülle, während andere mühsam angebaut werden müssen. Die Körner und das Getreide waren für die Allgemeinheit gedacht.

Satvic oder die reine Nahrung aus Mool, Kad, Phal und Kuhmilch usw., verlängert das Leben und heilt eine Anzahl von Krankheiten und Leiden. Ihr Nutzen wurde inzwischen auch von der Medizin erkannt.

Heutzutage werden viele Medikamente aus Kräutern, Früchten und Samenkörnern hergestellt und haben sich als sehr wirksam erwiesen. Ebenso zeigen alle natürlichen Heilverfahren wie Sonnenbäder, Seebäder, Moorbäder, Wasseranwendungen, Massagen, Physiotherapie, Naturheilkunde und Chromotherapie wunderbare Erfolge. Die Satvic-Nahrung und eine einfache Lebensweise kommen der Entwicklung höchster Kultur und Zivilisation zustatten. Wir müssen daran denken, dass die Nahrung für den Menschen da ist und nicht der Mensch für die Nahrung. Essen, um zu leben, und nicht leben, um zu essen, sollte unser Lebensgrundsatz sein. Wenn wir das befolgen, entwickeln wir Empfänglichkeit für die höheren Dinge des Lebens, die ethischen und spirituellen Werte, was allmählich zur Selbsterkenntnis und Gotterkenntnis führt.
Rajsik oder Kraft erzeugende Nahrung umfasst neben den pflanzlichen Nahrungsmitteln auch Produkte wie Milch, Sahne, Butter, Butterschmalz (Ghee) usw. von anderen Tieren als von Kühen, wenn sie in Maßen genommen werden. Im alten Indien war der Genuss von Milch hauptsächlich auf die Fürstenklasse beschränkt, da die Fürsten mehr Kraft brauchten, um das rauhe, ungestüme und ungesittete Volk, das nicht nach festen Lebensgrundsätzen lebte, unter Kontrolle zu halten. Das Melken des Milchviehs war erst dann gestattet, wenn die Kuh das Jungtier zur Welt gebracht hatte und gut versorgt war, und man ließ immer genügend Milch für die Ernährung ihres eigenen Nachkömmlings, des Kalbes, im Euter. Der Überschuss an Milch war Menschen unter besonderen Umständen erlaubt. Diese besondere Regel zielte darauf ab, die junge Zivilisation vor Degeneration zu bewahren. Auch die Rishis der alten Zeit machten maßvoll von Milch Gebrauch und ließen für den Bedarf und die Aufzucht der Jungtiere genügend Milch im Euter. Diese Rishis lebten allein und ziemlich abgeschieden und verbrachten die meiste Zeit in Meditation.
Die überlieferte Sitte, nur die überschüssige Milch zu nehmen, ist jetzt noch in einigen indischen Dörfern gültig. Aber im allgemeinen verletzt der Mensch von heute in seiner Sucht nach zügelloser Macht alle Gesetze der Natur unter dem Vorwand der sogenannten Freiheit, die er für sich beansprucht. Der Mensch ist unglückseligerweise darauf verfallen, an den Grundsatz zu glauben, dass der Zäheste überlebt, und muss für diese unkluge Einstellung teuer bezahlen.

Die einzige Überlegung des Menschen von heute ist, soviel Milch wie nur möglich zu bekommen, selbst auf Kosten der Kälber. An manchen Orten wirft man sie sofort, nachdem sie geboren sind, in kochendes Wasser, und legt den Kühen Melkmaschinen an die Euter, um auch noch den letzten Tropfen Milch herauszusaugen, damit man im Handelswettbewerb und beim Profit machen Schritt halten kann. Das nennen dann einige stolz ‘hohes technisches Können’ und ‘Zivilisation’. Unsere jungen Reformer von heute drängen der Menschheit ein solches Handwerk und solche Praktiken auf, statt Ackerbau und Viehzucht zu verbessern und einen erweiterten Viehbestand heranzuzüchten, alles harmlose Unterfangen, die den drückenden Mangel – worüber ja heute soviel gesprochen wird – beseitigen könnten.

Tamsik oder abstumpfende Nahrung sind Fleisch und Spirituosen, Knoblauch usw. oder eigentlich alles andere Essbare, ob es natürlich oder unnatürlich, alt oder frisch ist. Wer hemmungslos und uneingeschränkt alles isst, der lebt, um zu essen, aber ißt nicht, um zu leben. Sein Lebensziel ist der Genuss, und sein Motto heißt: „Iss, trink und sei vergnügt.” Diese Menschen stürzen sich kopfüber in das, was sie die Freuden des Lebens nennen. Wenn sie mit ein wenig Konzentrationskraft gesegnet sind, setzen sie ihre ganze Energie (physisch und gedanklich) zur Verherrlichung ihres kleinen Selbst ein, des egoistischen Gemüts. Diese Handlungsweise bezeichnet der Mensch gerne als höhere Stufe der Kultur. Die Meister der höchsten Ordnung verbieten eine solche Lebensweise mit aller Striktheit all jenen, die nach der Erkenntnis des Geistes im Menschen und der letztlichen Befreiung der Seele von den Fesseln des Gemüts und der Materie suchen.

Werden denkende Menschen hier kurz anhalten, um die wirkliche Lage des Menschen zu bedenken und zu erkennen? Warum ist er so stolz darauf, sich selbst das edelste der Geschöpfe, die Krone der Schöpfung, zu nennen oder nennen zu lassen? Wohin treibt der Mensch so unbesonnen? Steht er nicht am Rande eines fürchterlichen, ungeheuer tiefen Abgrundes, in den er jeden Augenblick hinunterstürzen kann? Durch sein eigenes Verhalten hat er sich leichtsinnig der Rache der Natur ausgesetzt. Stündlich ist er in Gefahr, in die tiefsten Tiefen physischer und moralischer Vernichtung gerissen zu werden.

Der Mensch hat sich im Hinblick auf seine Ernährung die wilden Tiere des Dschungels zum Vorbild genommen und verhält sich wie ein wildes Tier. Er tut sich nicht nur am Fleisch der harmlosen Tiere, wie Kuh und Ziege, Reh und Schaf, gütlich, an dem der unschuldigen Vögel in der Luft und der Fische im Wasser, sondern vergreift sich im Grunde genommen auch an Fleisch und Blut des Menschen, um seinen unersättlichen Hunger nach Gold und Reichtum zu befriedigen. Er ist seinen Weg der Selbstvergötterung, den er stolz Fortschritt nennt, noch nicht zu Ende gegangen. Möge er gut nachdenken über die Grundwahrheiten, aufgrund derer die Meister vegetarische Ernährung empfehlen und vorschreiben.
Auch die Pflanzen haben latentes Leben, wie es die Wissenschaftler der ganzen Welt nachgewiesen haben. Weil wir aber unsere Rolle im Panorama des Lebens auf der Bühne der Welt spielen müssen und uns ernähren müssen, um Körper und Seele zusammenzuhalten, sind wir auf das, was die Erde hervorbringt, angewiesen.

Natürlich ist Leben in den Pflanzen, Früchten und Körnern. Das Wesensmerkmal des Lebens ist Wachstum und Verfall. So war es schon immer, seit frühester Zeit. Es ist keine neue Erkenntnis, wenn auch einige Wissenschaftler wieder auf diese Wahrheit gestoßen sind und sie als ihre eigene Entdeckung ausgeben.
Aber kommen wir nun zur Sache. In der ganzen Schöpfung gilt das Naturgesetz, dass Leben von Leben abhängig ist. Wie die Geschöpfe anderer Schöpfungsstufen erhält sich auch der Mensch dadurch, dass er etwas isst, das Leben in sich hat. Rein äußerlich sieht es so aus, als befände sich der Mensch in bezug auf das Karma in derselben Lage wie andere Geschöpfe niedrigerer Lebensordnungen wie Warmblütler, Reptilien und dergleichen.

Die Natur hat noch ein anderes Antriebsrad, das in dieser materiellen Welt wirkt, nämlich das Gesetz der Evolution. Es sorgt dafür, dass alle Lebewesen sich von einer Stufe zur nächsten entwickeln. Und da sie jeweils von einer Stufe der Schöpfung zur nächsthöheren fortschreiten, unterscheidet sich jedes Wesen in seiner Wertigkeit von der niedrigeren Stufe. Der Maßstab, der sowohl den Gattungswert als auch den inneren Wert bestimmt, sind Materie und Intellekt: Je wertvoller die Bestandteile der Materie, die in einem Wesen überwiegend vorhanden sind, desto mehr Verstand besitzt es und desto höher ist sein Wert. Die Heiligen wenden bei der Lösung der Ernährungsfrage für den Menschen dieses Gesetz an. Ob er darauf achtet oder nicht, sie führen dem Menschen dieses Gesetz vor Augen, damit er seine Ernährung verbessert und dadurch soweit wie nur möglich einer schweren karmischen Verkettung entgeht, in der er unentrinnbar festgehalten wird.

Jede Art von Nahrung hat eine ihr eigene Wirkung auf den Menschen, die sich dem Erreichen des höchsten Zieles, der Selbsterkenntnis und Gotterkenntnis, hinderlich in den Weg stellt. Dieses Gesetz stimmt mit dem überein, was der Mensch allgemein für richtig hält, obgleich er sich der Gründe seines Verhaltens nicht bewusst ist. Wenn man die folgenden Gegebenheiten des täglichen Lebens vergleicht, wird jeder überrascht feststellen, dass das, was für ihn im Alltag selbstverständlich ist, völlig mit dem Naturgesetz übereinstimmt, das hier erklärt wird.

Der menschliche Körper, in dem alle fünf Tattwas (die schöpferischen und zusammenwirkenden Elemente – Erde, Wasser, Luft, Feuer und Äther) voll tätig sind, wird am höchsten bewertet. Daher steht er an der Spitze aller erschaffenen Wesen und gilt als Gott, dem Schöpfer, am nächsten. Der Mord an Mitmenschen wird als das verruchteste aller Verbrechen angesehen, worauf die Höchststrafe oder Todesstrafe steht. Der nächste höhere Wert wird den Vierfüßlern und anderen Tieren beigemessen, in denen vier Tattwas aktiv sind, während das fünfte, der Äther, nahezu fehlt oder nur in unbedeutender Menge vorhanden ist. Das vorsätzliche Töten eines Tieres, das jemand anderem gehört, zieht eine Strafe nach sich, die dem Wert des in Frage stehenden Tieres entspricht. Dann kommen die Vögel mit drei aktiven Elementen, nämlich Wasser, Feuer und Luft. Entsprechend werden sie nach ihrem Gattungswert geschätzt. Noch geringer ist der Wert von Geschöpfen mit nur zwei aktiven Elementen, nämlich Erde und Feuer, wobei die übrigen drei ruhen oder in latenter Form vorhanden sind wie bei den Reptilien, Würmern und Insekten, die ohne die geringsten Gewissensbisse getötet und zertreten werden, da auch keine Strafe damit verbunden ist. Der geringste Wert wird den Wurzeln, Gemüsen und Früchten beigemessen, in denen nur das Wasser-Element aktiv ist und überwiegt, während die restlichen vier nur latent vorhanden sind.

Karmisch gesehen ist daher die vegetabile und fructabile Kost die Nahrung, die den geringsten Schmerz verursacht und für den Menschen, der sich davon ernährt, die wenigsten karmischen Schulden anhäuft. Er muss sich deswegen mit dieser Art von Nahrung zufriedengeben, solange er ohne sie nicht auskommt und nicht auf etwas zurückgreifen kann, das überhaupt keine Folgen nach sich zieht.