Aus dem Buch "Naam oder das Wort", geschrieben von Sant Kirpal Singh


In einem Upanishadentext heißt es, dass es eine Wahrheit gibt, obwohl die Weisen sie unterschiedlich dargelegt haben. Aber sie zu erklären bedeutet, sie zu beschränken; und da die Wahrheit (d.h. die Wahrheit insgesamt) unermesslich ist, bleibt sie – ihrer wahren Natur nach – nicht zu erklären. Sie ist viel mehr eine Sache der inneren Erfahrung und Verwirklichung, als des Verstehens und Begreifens auf intellektueller Ebene.

"Der sicherste Weg um zur Wahrheit zu gelangen" – sagt der große Philosoph Henri Bergson – "führt bis zu einem gewissen Grad über die Wahrnehmung, die Intuition, das logische Denken und dann, indem man einen tödlichen Sprung tut."

Auch Ben Jonson sagt: "Wahres Erkennen ist ein Prozess den die Seele ausführt und der vollkommen ist, ganz ohne die Sinne." Die Wirklichkeit kann weder durch die Sinne erkannt werden, noch durch das Gemüt oder den Intellekt, auch nicht durch die Lebensenergien, die das materielle Gefüge, sowohl des Universums als auch des einzelnen Individuums, in Gang halten.

"Der Mensch ist eine eigene kleine Welt die geschickt aus den Elementen und einem engelsgleichen Geist erschaffen wurde." (John Donne). Er ist ein Wesen das (aus verschiedenen Komponenten) zusammengesetzt ist, und das, die physischen, die feinstofflichen und kausalen Prinzipien in sich vereint: in einer Abfolge von Körper, Gemüt, Überbewusstem und Seele. Die letztere ist der Ursprung allen Lebens, das Lebensprinzip selbst, das alles Lebendige belebt.

In dem allumfassenden Einflussbereich der niederen Instinkte gibt es einen geheimen Drang, die jene, die man die wenigen Auserwählten nennt – dazu führt, die niederen Instinkte zu überschreiten. Das führt zu völliger Selbstlosigkeit, indem man trotz des starken Widerstandes der Instinkte, der (äußeren) Reize und des Egos, die sich der inspirierten Seele entgegen stellen, einerseits das animalische Ego völlig beiseite lässt und sich andererseits willentlich einem selbstgewählten "Tod" unterwirft.

Es gibt eine subtile Verbindung von einem Mysterium zum anderen, von der unbekannten Seele, zur unbekannten Wirklichkeit, und nur an einem ganz bestimmten Punkt im Gefüge des Lebens, scheint die verborgene Wahrheit die umhüllenden Schleier der Unwissenheit zu durchbrechen. Das geschieht nur, wenn man fähig ist, die Seele aus der Gefangenschaft der Sinnlichkeit zu befreien. John Keats, der große Dichter der Romantik, beschreibt diesen Zustand großen Glücks:

Worin liegt Glückseligkeit?
In dem was unsere bereiten Herzen
zu einer Gemeinschaft mit dem Göttlichen,
mit der Essenz (von allem) ruft,
bis wir völlig verwandelt erstrahlen und frei sind vom Raum.

Das Geheimnis der Wahrheit liegt also in dem kleinen "großen Selbst" im Menschen; jenem Selbst, das ganz klein und unbedeutend zu sein scheint –  völlig vernachlässigt und beiseite geschoben – und das im gewaltigen Strudel des Gemüts und der Materie beinahe verloren ging. Und dennoch ist es etwas Großes, wenn es einmal zu sich selbst kommt, nachdem es die Gitterstäbe des Gefängnisses des Lebens, geschaffen durch die Sinne, die einem beständig wie in einem Netz gefangen halten, durchbrochen hat.

Der innere Mensch, oder die Seele im Menschen, muss daher von den Fangarmen des äußeren Menschen, der aus Materie und Gemüt besteht, befreit werden, bevor sich das Selbst zum Bewusstsein seines Selbst erheben kann und sich des kosmischen Bewusstseins gewahr wird.

Durch einen Prozess der Selbstanalyse und des Zurückziehens (vom Körperbewusstsein) ist all das praktisch möglich und nicht ein Hirngespinst das der Einbildung entsprungen ist, wie die meisten von uns vielleicht denken.

Da die Selbsterkenntnis der Gotterkenntnis vorausgeht, haben alle Weisen und Seher von jeher großen Nachdruck gelegt auf "Gnothi Seauton" oder "Nosce te ipsum", wie es bei den Griechen beziehungsweise Römern genannt wurde. Um sich selbst zu erkennen, muss man sein Selbst vom Leben der Sinne loslösen. Das ist genau das, was Jesus meinte, wenn er lehrte: "Wer sein Leben findet, wird es verlieren" und "Wer sein Leben verliert, der wird es finden." So muss man also wählen zwischen diesen beiden Leben: dem Leben der Sinne und des Fleisches einerseits, und dem Leben des Geistes und des Bewusstseins andererseits, denn beides gleichzeitig kann man nicht haben. Und solange man nicht fähig ist, sich über das Körperbewusstsein zu erheben, ist man auch nicht in der Lage zwischen den beiden zu wählen. "Keiner kann zwei Herren dienen: denn er wird entweder den einen hassen und den anderen lieben, oder er wird dem einen anhängen und den anderen verachten." Guru Nanak hat gesagt:

Ohne dass sich der Geist tatsächlich (ins Jenseits) erhebt,
wird sich der magische Zauber der Welt nicht auflösen.

Das ist also der Weg, der zur Wahrheit oder zu Gott führt. "Die Wahrheit ist eine", sagt Nanak, "und sie kommt als klares und einfaches Geschenk von einem Meister der Wahrheit." Wenn wir "eine" sagen, dann ist das auch nicht richtig, denn es bedeutet, das Grenzenlose zu begrenzen und das Unendliche zu beschränken. Daher sagt Kabir über Gott oder die Wahrheit:

Wenn ich sage, Er ist Einer, dann ist das auch unpassend;
die Vorstellung dass in Ihm etwas Zweites existiert, ist nichts als Blasphemie.
Er ist, was Er ist, weder das eine, noch das andere;
Etwas, das ganz ist und in dem alles enthalten ist.

Die Zahl "Eins" ist nur ein Hinweis, ein Symbol für das große Wesen jenseits aller Zahlensymbolik. Guru Nanak sagt über die Wahrheit folgendes:

Die Wahrheit bestand, als es nichts gab;
Die Wahrheit bestand vor dem Beginn aller Zeitalter;
Die Wahrheit besteht jetzt, O Nanak!
Und die Wahrheit wird für immer bestehen.

Die "Absolute Wahrheit" hat natürlich kein Abbild, aber als sie ins Sein kam, war das Licht- und Tonprinzip ihre ersten Offenbarungen. Zusammengefasst nennen es die Veden "Nad", die Upanishaden "Udgit", das Zend Avesta "Sarosha", die Evangelien "das Wort", der Koran "Kalma", und der Granth Sahib "Naam" oder "Shabd"– all das bezeichnet den zweifachen Aspekt des Göttlichen Wesens oder des schöpferischen Lebensprinzips in der Natur.

Namenlos und ohne jede Form ist Er;
und doch sind alle Namen und Formen die Seinen.

Die großen Rishis und Munis hatten, wie uns berichtet wird, eine direkte, innere Verbindung mit der Wahrheit oder Gott im Inneren. Moses wurden die heiligen Vorschriften des Dekalogs oder die Zehn Gebote inmitten von Donner und Blitz enthüllt, was für den zweifachen Aspekt der Wahrheit selbst steht. Der Prophet Mohammed musste sich seinen Weg durch den Mond bahnen – Shaq-ul- Qamar – als er auf den Schwingen des Blitzes (Barq) emporstieg. Prinz Siddharta wurde als Buddha oder der Erleuchtete bekannt, als er mit dem inneren Licht in Verbindung kam. Es waren keine leeren Worte wenn Christus seinen Anhängern versicherte:

Ich bin das Licht der Welt, und wer mir nachfolgt,
wird nicht wandeln in Finsternis,
sondern wird das Licht des Lebens haben.

Und weiter:
Wenn dein Auge einfältig ist, wird dein ganzer Leib licht sein.

"Mystizismus", sagt Dean Inge, "ist der Kern der Religion" und die Sprache hat nicht die Mittel, die übersinnlichen Erfahrungen der Mystiker auszudrücken. "Das Licht scheinet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht begriffen" ist das allgemeine menschliche Los heutzutage.

Der menschliche Geist kann zu Gott zurück kehren indem er durch tiefste menschliche Konflikte und Negationen hindurchgeht........ (und durch) die totale Abkehr von seinem endlichen Wesen.
A.C. Bradley

Walter De La Mare vermittelt uns in seinen "Träumen" eine Ahnung davon, indem er sagt:

Und einmal – freigeworden von Seelenqual –
im Schoße der Nacht, nahm ich
eine hohle, verwobene Lichtkugel
von so mitreißender Schönheit wahr,
wie keine Zunge es zu schildern vermag,
und ich erkannte es als die Hochburg des Lebens.

Beide, die Seele und Gott wohnen zusammen im heiligen Tempel des menschlichen Körpers, aber – unglücklicherweise – hat einer den anderen nicht erkannt. Über diese angeborene Verbindung sagt uns die heilige Katharina:

Gott ist in der Seele und die Seele ist in Gott,
so, wie das Meer im Fisch ist und der Fisch im Meer.

Aber können wir diese Gottesschau erlangen? "Ja", sagen die Meister, "so sicher, wie zwei mal zwei vier ist."

Empfinden wir diese Dinge?
In solch einem Moment sind wir in eine Art Einssein eingetreten,
und unser Zustand gleicht dem eines schwebenden Geistes.

John Keats

Um zu dem Punkt zurückzukehren, wovon wir ausgegangen sind – nämlich, dass die Wahrheit unendlich ist und nur im Inneren erkannt und nicht verstandesmäßig erfasst werden kann – lassen sie uns ansprechen, welche Forderungen die Wissenschaft erhebt. Auch die Wissenschaft erklärt, die Wahrheit auf eine objektive und unparteiische Weise finden zu wollen.

Man bezeichnet es als den "wissenschaftlichen" Weg, und die meisten ihrer Anhänger gehen so weit zu sagen, dass die Wissenschaft die einzige Möglichkeit sei die Wahrheit zu finden, da Mystik und spirituelle Erkenntnis zu persönlich, zu subjektiv und ein zu seltenes Phänomen seien, um darauf vertrauen zu können.

Aber kann uns die Wissenschaft wirklich zur Wahrheit bringen? Können wir Faktenwissen mit der Wahrheit gleichsetzen? Ist es nicht so, dass die Wahrheit nicht nur ein Wissen über die diversen Objekte umfasst, die in der Summe die Gesamtheit von allem was existiert ergeben, sondern auch bis ins feinste Detail das Wissen darüber, wie sie in gegenseitiger Beziehungen stehen, und ist nicht dieser Aspekt der Wahrheit der bedeutendere? Natürlich vermittelt uns die Wissenschaft Faktenwissen über die Objekte und bis zu einem gewissen Grad auch über ihre wechselseitigen Beziehungen. Aber die Wissenschaft scheint – zumindest heutzutage – ein endloser Prozess zu sein: die Erkenntnisse von heute sind überholt durch diejenigen von morgen. So ist auch ihre Sicht der Wahrheit, wie immer sie auch aussehen mag, eine sich ständig verändernde, und es kann sich hier tatsächlich nie um die Beschreibung der Wahrheit handeln, denn die Wahrheit ist ihrer Natur nach unwandelbar. Die Anhänger der Wissenschaft sehen diese wesentliche Begrenzung der Wissenschaft nicht, da sie Wissen mit Wahrheit verwechseln und dabei vergessen, dass – falls Wissenschaft unser einziger Weg zur Wahrheit wäre, der Mensch nie hoffen könnte, dieses Ziel zu erreichen. Betrachtet man die andere Seite des Bildes, die wir bereits besprochen haben, so gibt es hier das unbestrittene Zeugnis der Heiligen und Mystiker, die uns sagen, dass die Wahrheit durch den Menschen erkannt werden kann, und die weiter erklären, dass uns das Befassen mit dem sachlichen Faktenwissen von der Wahrheit ablenkt. Die Dichter sprechen von intuitiven Momenten, wenn sie die Gegenwart einer spirituellen Einheit hinter der materiellen Vielfalt spüren:

Und ich fühlte eine Gegenwart, die mich durch die Freude
erhabener Gedanken aufrüttelte: eine subtile Empfindung,
von etwas, von dem der Geist des Menschen zutiefst durchdrungen ist,
dessen Heimat das Licht untergehender Sonnen ist,

und das ganze Meer, die lebendige Luft, und der blaue Himmel.

Wordsworth

Die Mystiker aller Zeiten und Länder sagen uns jedoch einstimmig, dass diese innere Wirklichkeit oder Wahrheit nicht nur eine Sache der Intuition und des Gefühls ist, sondern eine der tatsächlichen, über den Sinnen liegenden Erkenntnis. Und was das betrifft, zeigt sich, wie wichtig das Studium des Yoga – speziell des Surat Shabd Yogas ist. Wenn wir wirklich nach der Wahrheit suchen, können wir es uns nicht leisten, die Spiritualität zu ignorieren, wozu viele moderne Denker neigten; denn sie ist die Schnellstraße zur Wahrheit, und – wie bereits angedeutet – vielleicht der einzige direkte Weg zur Wahrheit. In diesem Zusammenhang wurde mit diesem Buch der Versuch gemacht, das grundlegende Konzept zu erklären (das immer ein- und dasselbe ist trotz der endlos vielen unterschiedlichen Begriffe) trotz der verschiedenen Worte die die Meister verwenden, um den Unaussprechlichen in Seiner ursprünglichen Offenbarung zu bezeichnen – den Lebensstrom, der die unendliche Schöpfung erschaffen hat, erhält und kontrolliert.

Mein tief empfundener Dank geht besonders an Shri Bhadra Sena und die anderen, die sich große Mühe gemacht haben, um zu helfen, dieses Werk herauszubringen, und die viele Stunden für diesen Liebesdienst aufgewendet haben.

KIRPAL SINGH